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Stephan Pflaum & Thomas Michel
„Mentoren machen einen sicht- und spürbaren Unterschied“

Als die Münchner 2015 die Flüchtlinge am Hauptbahnhof willkommen hießen, war Thomas Michel und Stephan Pflaum klar: Unter ihnen müssen auch schwule Menschen sein, die vor Repressalien in ihren Heimatländern geflohen sind.

Thomas Michel war zu der Zeit bereits langjähriger Gast im SUB und engagierte sich für gleiche Rechte für Homosexuelle. Er kannte die Szene und fasste einen Entschluss: Die Neuankömmlinge, die so denken und fühlen wie er, sollen nicht im Regen stehen. Er fand Mitstreiter, zusammen gründeten sie die „Rainbow Refugees Munich“, ein ehrenamtliches Projekt für schwule Geflüchtete. „Dass Menschen, die in ihrer Heimat wegen ihres Schwulseins oft sogar um ihr Leben fürchten mussten und alles verloren haben, Unterstützung brauchen, um sich hier bei uns ein neues Leben aufzubauen, war für mich irgendwie selbstverständlich“, sagt er.

Ein Gedanke, mit dem er nicht alleine war. Mit Bestürzung verfolgte Stephan Pflaum zu der Zeit die Hasskommentare im Internet „gegenüber allen und allem Fremden“. Der 44-Jährige entschied sich, nicht nur im Internet dagegenzuhalten, sondern auch im realen Leben. Mentoring, damit kannte er sich sowieso aus: Er arbeitet beruflich als Mentor an einer der Münchner Universitäten, vernetzt Studierende aller Fächer mit Mentor*innen aus allen Branchen und Berufen. Und so stieß auch er zum Projekt dazu.

Drei Jahre sind vergangen. Michel hat seitdem zehn schwule Flüchtlinge intensiv betreut, viele zeitweise unterstützt und das Projekt nach außen vernetzt und öffentlich bekannt gemacht. Acht seiner Mentees haben einen positiven Asylbescheid erhalten. Auch Pflaum ist durchaus stolz auf seine Quote: Die Hälfte seiner 15 Mentees sind anerkannt, wobei sie zunächst abgelehnt wurden und er den Spieß dann doch noch im Sinne seiner Schützlinge umdrehen konnte.

Der Schlüssel, sagen beide, ist der enge und bisweilen hartnäckige Kontakt zu den Entscheidungsträgern, den Behörden. Die Perspektive der Sachbearbeiter zu verstehen, darin sind sie in der Zwischenzeit beide Experten geworden. Michael formuliert es mit einem Augenzwinkern: „Man lernt, Behördenmitarbeiter zu verstehen und mit ihnen ergebnisorientiert zu kommunizieren.“

Das wird für ihre Arbeit besonders dann wichtig, wenn einer ihrer Schützlinge einen negativen Asylbescheid in der Hand hält – trotz Verfolgung im Heimatland. Dann geht es darum, eine zweite Anhörung einzufordern. Worauf es dann ankommt, hat Stephan Pflaum gelernt: eine detaillierte, stimmige Fluchtgeschichte und so viele Nachweise wie möglich. Doch die Arbeit der beiden endet nicht mit dem positiven Asylbescheid. Mittlerweile geht es vielmehr um die Frage: Wie lassen sich die Neuankömmlinge integrieren? Die kommen mittlerweile mit ganz praktischen Fragen zu Michel und Pflaum. Wie schreibe ich eine Bewerbung? Auf was muss ich bei einem Mietvertrag achten? Wie fülle ich eine Steuererklärung aus?

Dabei sind es natürlich die Erfolge, die die beiden motivieren: Ein Flüchtling, der erst abgelehnt wurde – zum Beispiel, weil er sich gar nicht traute zu sagen, dass er schwul ist - und nach einer weiteren erkämpfen Anhörung doch anerkannt wird. Eine bezahlbare Wohnung, die einem Geflüchteten den Start in ein neues Leben ermöglicht. Ein Flüchtling, der einen Ausbildungsvertrag bekommt oder eine Arbeit findet. Denn, davon ist Michel überzeugt, „Arbeit ist der Schlüssel für das neue Leben in Deutschland“.

Ein Prozess, der Mentoren-Beziehungen zum Teil auch in Freundschaften verwandelt. „Wie man sich mit jedem guten Freund über etwas freut, so freue ich mich mit meinen Mentees über ihre Erfolge, sei es eine Ausbildung, eine feste Arbeit oder die erste eigene Wohnung“, sagt Pflaum. Auch Michel fühlt sich in seiner ehrenamtlichen Arbeit bestätigt: „Es gibt einen sichtbaren Unterschied, ob die Geflüchteten Unterstützung haben oder nicht“, sagt er.

Was ist das Ziel der Organisation?
SP: Beim Ankommen zu helfen, im Umgang mit den Behörden zu unterstützen bis hin zu, dass schwule Geflüchtete unsere Szene hier verstehen und selbstbewusster Teil davon werden können.
TM: …und die Öffentlichkeit über die schwierige Situation von schwulen Geflüchteten zu informieren.

Wie kommen die Refugees zu Ihnen und woher wissen sie, dass es euch gibt?
TM: Social Media, Sozialarbeiter in den Sammelunterkünften, andere Refugee-Organisationen, Flyer, Plakate, Mundpropaganda.

Wie helfen die Mentoren den Refugees?
SP: Zu Beginn geht es darum, sich mit dem Asylverfahren auseinanderzusetzen. Das geht von der Vorbereitung auf Anhörungen bis hin zur persönlichen Begleitung dorthin. Später geht es mehr um Fragen, die sich auch den Einheimischen stellen: Wie schreibe ich einen Lebenslauf, ein Bewerbungsschreiben, finde eine Wohnung, usw.

Wie finanziert sich die Organisation?
TM: SUB-Projektförderung, Mentorenpauschalen der Bundesregierung und Spenden.

Wie ist das Verhältnis zwischen der RR-Organisation und dem SUB?
TM: Wir sind ein ehrenamtliches Projekt des SUB,das inzwischen auch durch zwei von der Stadt finanzierten Sozialarbeiter unterstützt wird.
SP: Die Ehrenamtlichen können sich viel intensiver mit den einzelnen Personen und Persönlichkeiten befassen. Das ist auf der hauptamtlichen Ebene kaum möglich – und mit Blick auf eine notwendige professionelle Distanz auch nicht sinnvoll.

Mit welchen anderen Projekten kooperieren Sie?
TM: Wir kooperieren mit fast allen Refugee-Projekten in München: Lichterkette, Arrival Aid, Münchner- und Bayerischer Flüchtlingsrat, Matteo, Münchener Freiwillige – und natürlich vielen Rechtsanwälten, die Geflüchtete unterstützen.
SP: Ich selbst arbeite bei meinen Mentees mit akademischem Background sehr eng mit den Students4Refugees zusammen.

Wie stellen Sie fest, ob ein Refugee wirklich schwul ist oder die Organisation möglicherweise als Alibi benutzen will, um anerkannt zu werden?
SP: Das merkt man mit der Zeit an Dingen wie: Kommt er regelmäßig zu Events? Nimmt er mit Begeisterung am CSD teil? Wie agiert er mit anderen Schwulen? Engagiert er sich in Projekten? Ein festes Muster der „Erkennung“ gibt es da nicht. Es geht ums Gesamtbild, das man mit der Zeit gewinnt. Schwarze Schafe gibt es mit Sicherheit, aber die fliegen früher oder später auf.
TM: Als Mentor lernt man seinen Mentee sehr gut kennen und eine Verfolgungsgeschichte, die glaubhaft sein soll, kann man nur schwer erfinden. Und die Gefühle, die man dabei erlebt, schon gar nicht.

Mit welchen Problemen haben Sie in Ihrer Arbeit zu kämpfen?
SP: Am meisten nervt mich die insbesondere von bayerischen Behörden oft gepflegte Kultur des Verweigerns, Ablehnens, Verhinderns. Ich weiß nicht, wie viele meiner Mentees bereits Arbeits- und Ausbildungsverträge oder Studienzugangsberechtigungen in der Hand hatten und sofort mit einem Studium, einer Ausbildung oder einem Job hätten anfangen können – würden die Behördenmitarbeiter ihre Ermessensentscheidung nicht oft zu ungunsten der Flüchtlinge auslegen. Immer wieder werden nach Salamitaktik neue Steine in den Weg gelegt. Die müssen von uns gemeinsam mit den Mentees mühsam, manchmal dann auch vor Gericht, aus dem Weg geräumt werden. Das dauert und macht alle Beteiligten mürbe, soll sie vielleicht auch mürbe machen. Und das, obwohl Handwerk und Industrie händeringend Auszubildende, Angestellte und Arbeiter suchen, unsere Mentees sofort einstellen würden.

Wie sehen Sie das, Herr Michel?
TM: Mir geht es wie Stephan. Es ist wie oft im Leben: in schwierigen Situationen kann man erleben, wie einfühlsam und wirklich hilfsbereit Menschen sind. Ich hatte zumindest das Glück, in allen Behörden auch auf Menschen zu treffen, die nach Lösungen gesucht und sie deshalb auch gefunden haben. Das war eine gute Erfahrung! Was mich etwas ratlos macht, ist die Gleichgültigkeit und das Wegschauen von Vielen. Erst haben es die Rechtspopulisten geschafft, das Thema Flucht zum Dauerthema zu machen und immer wieder negativ zu besetzen, obwohl es anfangs ja viel Verständnis für Geflüchtete gab. Jetzt scheint die Öffentlichkeit sich am liebsten gar nicht mehr mit dem Thema beschäftigen zu wollen. Das beobachte ich leider auch bei den Parteien, die sich anfangs auf die Seite der Geflüchteten stellten. Auch in unserer sogenannten „Community“ erlebe ich das so. Die hat ihren Namen in Bezug auf Geflüchtete für mich nicht verdient. Daher liegt es an Wenigen, schwule und lesbische Geflüchtete zu unterstützen. Und die können nicht mehr alles leisten, was nötig wäre, um Rainbow Refugees wirksam zu helfen, sich hier bei uns ihr neues Leben aufzubauen.

Text & Interview: Viktoria Spinrad
Illustration: Franziska Romana