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Jakob Prousalis
„Wir müssen noch Pionierarbeit leisten“

Einschlagende Bomben, ein Messerangriff im Club, sexueller Missbrauch – katastrophale Erlebnisse, die ein psychisches Trauma auslösen können. Erlebnisse, die ein Mensch nicht direkt verarbeiten kann und deswegen zu verdrängen versucht. Ein Trauma ist die unterbewusste Schutz-Reaktion des Körpers darauf. Das Gehirn stellt auf dauerhaften Alarmzustand. Es kann bis zu vier Wochen dauern, bis das Erlebte verarbeitet ist. In dieser Zeit haben Betroffene oft Albträume, leiden unter Angstzuständen. Bei drei bis acht Prozent wird das Leiden jedoch chronisch. Wer unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, leidet, hat über Jahre Albträume und Flashbacks. Bilder bleiben mit Emotionen verknüpft und lösen immer wieder Stress aus. Menschen mit PTBS fühlen sich ständig mit Gefahr konfrontiert, das verändert ihr Gehirn, ihr Denken, Fühlen und Handeln im Alltag.

Ob jemand unter einer PTBS leidet, hängt von der eigenen sogenannten „Resilienz“ ab. Aber auch davon, wie häufig jemand eine katastrophale Erfahrung macht. Nach 25 oder mehr Episoden ist die PTBS sogar unausweichlich, wie Forscher der Universität Konstanz herausfanden.

20 Prozent der Bevölkerung in Nord-Uganda etwa sind an PTBS erkrankt, nachdem sie 20 Jahre lang im Bürgerkrieg lebten. Aber auch andere Faktoren unterstützen die Entwicklung einer PTBS – wie Unsicherheit über den Aufenthaltsstatus. Menschen, die aus einem Krisen- oder Kriegsgebiet kommen und sich noch im Asylverfahren befinden, zeigen beispielsweise mehr Symptome auf als bereits anerkannte Flüchtlinge, fand eine Studie der Cambridge University mit Asylsuchenden und Geflüchteten aus dem Jahr 2015 heraus.

Eine besondere Stufe der PTBS ist die „komplexe PTBS“. Die Betroffenen wurden über eine lange Zeit traumatisiert und leiden dann zusätzlich unter sogenannten Begleiterkrankungen: Sie sind abhängig, depressiv, haben eine Essstörung oder auch körperliche Schmerzen. Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung ihr Heimatland verlassen haben, seien häufig komplex traumatisiert, sagt der Psychotraumatologe Jakob Prousalis. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Psychotraumatologie, Traumatherapie und Gewaltforschung, und betreut traumatisierte LGBT*-Geflüchtete für die Schwulenberatung Berlin.

Herr Prousalis, wer sind die Menschen, mit denen sie täglich zu tun haben?
Die Menschen, mit denen ich arbeite, waren über Jahre verschiedenen traumatischen Belastungen ausgesetzt. Sie kommen aus politisch instabilen Ländern oder Regionen nach Deutschland, traumatisiert wurden sie aber bereits vor ihrer Flucht: Wegen ihrer sexuellen Orientierung lehnte die Familie sie ab, die Gesellschaft grenzte sie aus oder sie saßen sogar eine Zeit lang in Haft. Geflüchtete mit LGBT*-Hintergrund projizieren diese Erlebnisse und Gewalterfahrungen – auch auf emotionaler Ebene – auf die eigene Identität, die sich dadurch verändert. Vor allem die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität sind sensible Faktoren in der Entwicklung der Persönlichikeit eines Menschen.

Woran erkennen Sie ein psychisches Trauma?
Oft kann man sie nicht sehen. Doch sie bleiben Wunden. Ein psychisches Trauma ist eine schwere Art der Selbstverletzung. Viele wissen nicht, dass sie betroffen sind. Es ist eine Überforderung der psychischen Schutzmechanismen durch Krieg, Misshandlung, Ausgrenzung. Unser Körper und unser Gehirn hat die Fähigkeit sich solchen traumatischen Erlebnissen zu widersetzen – manche Menschen sind „resilienter“ als andere. Doch je länger der Körper einer seelischen Belastung ausgesetzt ist, desto schwerer ist es, sich dieser zu widersetzen. Zeit ist also ein wichtiger Faktor.

Was ist das Problem bei der Behandlung traumatisierter Geflüchteter?
Viele geflüchtete Menschen haben eine sehr schlechte psychiatrische Anbindung und Versorgung. Das beobachte ich immer wieder. Häufig wird die Traumatisierung aber auch gar nicht erkannt oder bagatellisiert. Erst vor kurzem kam jemand zu mir, der von einem Arzt weggeschickt wurde mit dem Vermerk: Anpassungsstörung. Manche Geflüchtete sagen selbst „Mir geht es gut“, obwohl das nicht stimmt. Verdrängung und Scham sind wichtige Merkmale für eine Traumatisierung – und belastend für den Körper. Denn dieser erinnert sich an das Erlebte. Wir haben das nach dem Vietnamkrieg und beiden Irakkriegen beobachten können: Die Soldaten sind zurückgekehrt, haben zunächst normal gearbeitet, doch dann traten nach und nach eine Anzahl von Begleiterkrankungen der PTBS auf, die die klassische Medizin nicht erklären konnte.

Was muss passieren, um den Betroffenen besser helfen zu können?
Zunächst muss das Trauma jedes Einzelnen als solches anerkannt werden. Für Geflüchtete mit LGBT*-Hintergrund ist die Unterbringung in sogenannten „Safe-Houses“ besonders wichtig. Ein bisschen Geld, ein Dach über dem Kopf und eine primäre Asylberatung sind wichtig, reichen jedoch nicht aus. Die Menschen wollen vor allem Klarheit über ihren Aufenthaltsstatus. Sobald sie wissen, ob sie in Deutschland bleiben dürfen, kann eine Therapie ihnen helfen, herauszufinden, wer sie vor der Flucht waren, wer sie heute sind und wer sie künftig sein wollen.

Warum wissen wir so wenig über die Traumatisierung von LGBT*-Geflüchteten?
Die Psychotraumatologie ist eine sehr junge Wissenschaft. Besonders in der Beratung von LGBT*-Geflüchteten müssen wir noch viel Pionierarbeit leisten, immer wieder Grundlegendes erklären: Was ist ein Trauma? Welche Anbindung zu psychosozialer Versorgung brauchen traumatisierte Menschen? Und wieso ist die sexuelle Identität eines Menschen ein besonders vulnerabler Faktor? Wir brauchen mehr Fachmenschen, Psychotraumatologen, die sich damit auskennen und verstehen, dass ein Mensch mit einer Trans-, Inter- oder anderen Gender-Identität völlig andere Bedürfnisse hat, als ein anderer Traumatisierter aus einem Krisengebiet.

Text & Interview: Maria Christoph
Illustration: Franziska Romana