Home

Promise Ssonko
„Wenn sie uns finden, landen wir im Gefängnis“

Manchmal reicht es, Menschen zu helfen, um selbst verfolgt zu werden. Die Geschichte von Promise Ssonko ist eine Geschichte über eine Frau, die heute über 5000 Kilometer von ihren vier Kindern entfernt lebt, weil sie sich in ihrem Heimatland Uganda für die LGBT*-Community eingesetzt hat. Promise ist 49 und lebt seit Juli 2016 in München. Sie beschreibt sich als eine LGBT*-Aktivistin, ist selbst aber nicht lesbisch. Vor ihrer Flucht nach Deutschland hat sie in einer Filmcrew der African Film and Writers Society Uganda (AFWS) gearbeitet. „The first ever gay film in Uganda“ – so wird der Film bei Youtube beworben, an dem sie damals mitgearbeitet hat. „Should Abbey kill Cain“ thematisiert das Tabuthema Homosexualität und will für mehr Offenheit in der ugandischen Gesellschaft werben. Im Youtube-Trailer bekommt man einen Eindruck davon, was passieren kann, wenn die Local Community von einem schwulen Pärchen erfährt: Ein Mob stürzt sich auf die Betroffenen und antwortet mit brutaler Gewalt. Es war eine ganz ähnliche Situation, die in Promise Ssonkos Leben alles verändert hat.

Nach einem Zwischenfall bei einem Filmdreh mit AFWS Uganda mussten sie aus Ihrem Land flüchten. Was genau ist damals passiert?
Es war furchtbar. Ich habe bis heute Blutdruck-Probleme von dem Schock. Ich war damals wieder auf einem Dreh in Kampala als Makeup-Artist dabei. Es hatte uns wohl jemand an die Polizei verraten, denn mitten im Filmdreh hat uns plötzlich eine Gruppe von mindestens 20 Leuten angegriffen. Sie kamen schreiend angestürmt und warfen uns Stühle, Autoreifen und Backsteine entgegen. Sie haben mit Stöcken auf die Crewmitglieder eingeschlagen, einige konnten sich noch aus den Fenstern retten. Ich bin sofort weggerannt und hatte Glück. Einer meiner Kollegen wurde so schwer verletzt, dass er kurze Zeit später starb. Wir waren ab dem Moment nicht mehr sicher in Kampala, die Polizei suchte nach uns. Wir wussten: Wenn sie uns finden, landen wir im Gefängnis und sitzen jahrelang fest. Die Filmgesellschaft hat mir bei der Flucht geholfen und den Flug nach Deutschland bezahlt.

Was wurde Ihnen und der Filmcrew vorgeworfen?
In Uganda ist es per Gesetz verboten, lesbisch oder schwul zu sein. Genauso verboten ist es, für die Rechte der LGBT*-Community zu kämpfen. Ob man selbst schwul oder lesbisch ist oder ob man sich für diese Menschen einsetzt – beides ist in der ugandischen Gesellschaft ein No-Go. Uns wird vorgeworfen, mit dem Film noch zusätzlich für Homosexualität zu werben. Damit sind wir ein großes Risiko eingegangen. Viele Aktivisten aus der Filmcrew mussten in andere Länder flüchten.

Neben Ihrem Engagement für den Film habe Sie sich in Uganda auch direkt für junge Mitglieder der LGBT*-Community eingesetzt. Wie genau konnten Sie den jungen Menschen vor Ort helfen?
Schwule und Lesben leben am Rande der Gesellschaft. Sie sind isoliert und werden aus der Community ausgeschlossen. Vor allem Teenager laufen oft vor ihren homophoben Familien davon und sind gesundheitlich in einer schlimmen Verfassung. Ich bin mehrere Male pro Woche zu ihnen gegangen und habe ihnen Medikamente, Wundmittel, Kondome und Gleitmittel gebracht. Kondome und Gleitmittel sind in Uganda sehr teuer und nur in wenigen Supermärkten zu bekommen. Weil sie ungeschützten Geschlechtsverkehr ohne Gleitmittel haben, leiden schwule Jugendliche unter Sexualkrankheiten und teils gravierenden Wunden im Genitalbereich, die sich immer weiter entzünden, weil niemand sie behandelt.

Wie war es möglich, an die Teenager heranzukommen, wenn sie selbst von der Community verfolgt werden?
In Uganda läuft alles über Gerüchte. Wenn ich gehört habe, dass jemand verdächtigt wurde, schwul zu sein, bin ich zu den jungen Menschen gegangen und habe ihnen meine Hilfe angeboten. Anfangs fiel es ihnen schwer, mir zu vertrauen. Sie hatten Angst, dass ich sie an die Polizei melde. Ich konnte aber Vertrauen aufbauen und habe ihnen klargemacht, dass ich auf ihrer Seite bin. Sie haben mich als eine Art Ersatzmutter gesehen, weil ihre eigene Familien sie wegen ihrer Homosexualität verstoßen haben. Viele Leute in Uganda trauen sich nicht, schwulen oder lesbischen Menschen zu helfen, weil sie Angst haben, selbst Probleme zu bekommen. Ich hatte auch große Angst davor.

Um nicht ins Gefängnis zu kommen, mussten Sie Ihre vier Kinder in Uganda zurücklassen. Wer kümmert sich jetzt um sie?
Ich war schon immer alleinerziehend. Als ich flüchten musste, standen sie plötzlich ohne Eltern da. Ich vermisse sie schrecklich und habe sie jetzt fast drei Jahre nicht mehr gesehen. Seit damals werden vor allem meine beiden jüngsten Kinder von Familie zu Familie geschoben. Sie sind 13 und 16, die anderen zwei sind schon erwachsen. Jeden Tag sagt man ihnen, dass ihre Mutter ein schlechter Mensch sei, weil sie schwulen und lesbischen Menschen geholfen hat. Auch in der Schule wird gegen mich gehetzt. Meine Kinder stehen aber zu mir. Sie verstehen, dass ich es als meine Aufgabe gesehen habe, mich für die LGBT*-Rechte einzusetzen. Ich hoffe, dass sie sich nicht zu sehr von der Hetze beeinflussen lassen. Kinder werden in Uganda schon früh zu homophoben Menschen erzogen. Man bringt ihnen bei, dass Homosexualität etwas Furchtbares ist. So läuft die Erziehung leider. Ugandische Eltern zeichnen lesbische und schwule Feindbilder in den Köpfen der Kinder, die sich dann festsetzen und aus ihnen intolerante Menschen machen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Ich habe hier in München eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht und kann in Deutschland arbeiten, darüber bin ich sehr froh. Ich engagiere mich auch weiterhin für LGBT*-Rechte, aber muss vorsichtig sein und aufpassen, dass davon nicht zu viel nach Uganda dringt. Je mehr dort bekannt ist, dass ich meinen LGBT*-Aktivismus hier fortsetze, desto mehr sind meine Kinder dort Anfeindungen und Hetze ausgesetzt. Ich selbst werde wahrscheinlich nie wieder nach Uganda zurückkehren können. Ich gehöre zu den Menschen, die dort von der Polizei gesucht werden. Sobald ich einen Fuß in das Land setze, lande ich im Gefängnis. Ich hoffe, dass meine Kinder eines Tages hierherkommen dürfen.

Text & Interview: Anna-Maria Deutschmann
Illustration: Franziska Romana