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Michael Glas
„Ein ewiger Kampf“

Michael Glas, Gesch.ftsführer von Fliederlich e.V. dem schwul‑lesbischen Zentrum Nürnberg, hat Anfang 2016 mit seinem Verein und der Stadt Nürnberg die erste geschützte Unterkunft für LGBT*‑Geflüchtete in Deutschland eröffnet. Mittlerweile sind daraus zwei Schutzunterkünfte mit einem Platz für ungefähr 50 Geflüchtete geworden. Im Interview erzählt er, wie er durch einen Zufall und mit viel Eigeninitiative eine geschützte Unterkunft ins Leben gerufen hat.

Was war der persönliche Auslöser dafür, dass Sie eine geschützte Unterkunft ins Leben gerufen haben?
Ende 2015 kamen zwei junge Männer aus dem Norden Iraks zu uns. Es waren zwei schwule Männer, die Angst hatten, in ihrer Gemeinschaftsunterkunft von Landsleuten diskriminiert zu werden. Und die beiden waren nicht die einzigen Geflüchteten mit dieser Sorge. Immer mehr LGBT*-Geflüchtete kamen zu uns und fragten uns: Wie kann ich mich auf mein Asylverfahren vorbereiten? Und: Wo kann ich unterkommen, ohne von Landsmännern verurteilt oder gar angegriffen zu werden? Das ohne, dass wir groß Werbung für unser Angebot gemacht hätten.

Was erleben LGBT*-Geflüchtete in den regulären Unterkünften?
Es geht los mit Befürchtungen, wie die eigenen Landsleute in der Stammunterkunft reagieren, wenn sie von der sexuellen Orientierung ihrer Mitbewohner erfahren. Das ist schon eine relativ starke psychische Belastung, bei der man auch aktiv werden muss. Weiter geht es mit diskriminierenden Bemerkungen über Beschimpfungen, bis hin zu tatsächlich tätlichen Übergriffen. Da hatten wir zum Glück nicht viele, aber schon paar Vorkommnisse. Daraus entstand die Idee einer Schutzunterkunft.

Wie kam es dann zu der ersten Schutzunterkunft?
Das war ein purer Zufall. Durch Zufall traf ich in Nürnberg einen alten Bekannten. Wir unterhielten uns ein bisschen. Er erzählte, dass er nicht mehr in Nürnberg wohnt. Dann ist mir eingefallen, dass ihm und seiner Frau ein kleines Gewerbegebäude gehörte, in dem sie auch ihre Wohnung hatten. Also fragte ich ihn: Wie schaut es denn mit dem Haus aus? Es kam heraus, dass es leer stand. Daraufhin sind wir uns relativ schnell einig geworden, dass er uns das Gebäude für die Unterbringung von Geflüchteten vermietet. Wir haben dann einfach zugeschlagen und gesagt: „Ja, wir machen das!“

Gab es dabei auch ein Risiko, dass sie eingegangen sind?
Unser Risiko war zunächst mal, dass wir uns erst, nachdem wir den Vertrag hatten, an die städtischen Stellen wandten. Dort haben wir aber offene Türen eingerannt. Denn die Stadt hatte das Problem auch schon auf dem Schirm. Mit ihr sind wir uns dann auch relativ schnell handelseinig geworden. Und haben dann den Vertrag abgeschlossen, dass wir Leute unterbringen können und dafür eine finanzielle Entschädigung bekommen.

Eine Unterkunft zu wechseln ist bekanntlich nicht immer einfach. Wie lief das im Fall der Schutzunterkunft ab?
Durch einen guten Kontakt zu der zuständigen städtischen Stelle in Nürnberg haben wir die Unterkunft innerhalb von vier bis sechs Wochen voll belegen können. Der große Vorteil war dabei, dass die betroffenen Flüchtlinge von der Regierung sowieso schon der Stadt Nürnberg zugewiesen waren und daher in anderen städtischen Großunterkünften untergekommen waren. Von daher war die Regierung von Mittelfranken also außen vor.

Wie wird sichergestellt, dass die Menschen in den Unterkünften auch wirklich geschützt sind?
Außen an den Unterkünften hängen jetzt keine großartigen Schilder. Von Organisatorenseite wurde die Adresse auch nicht bekannt gegeben. Wir haben dann aber festgestellt, dass die Bewohner und Bewohnerinnen diesbezüglich nicht immer so strikt waren. Aber zum Glück hat es deswegen bisher keine Probleme mit homophoben Übergriffen gegeben.

Welche Verbesserungen wünschen Sie sich im Bezug auf die Schutzunterkünfte?
Das größte Problem ist, dass uns keine Geflüchteten mehr zugewiesen werden. Wenn ich die Gruppe LGBT*-Menschen als eine besonders gefährdete Gruppe definiere, für deren Unterbringung es auch vom Bundefamilienministerium gesetzliche Mindeststandards gibt, dann bräuchten viel mehr Menschen einen Platz in einer Schutzunterkunft. Die gibt es in Bayern aber nur in zwei, drei Städten. Da machen so Vorfälle wie kürzlich keinen Sinn: Eine lesbische Frau wurde von Nürnberg, wo es geschützte Unterkünfte gibt nach Krumbach in Schwaben velegt. In eine Unterkunft, in der außer ihrer Zimmermitbewohnerin nur Männer untergebracht sind. Das ist einfach die Katastrophe schlechthin! Aus solchen Fällen kommt auch unsere politische Forderung an die Staatsregierung: Man kann nicht immer nur die Kommunen in die Pflicht nehmen, entsprechende Schutzunterkünfte zu schaffen. Da kann man nicht sagen „Liebe Kommune, mach du das mal aus deinem Etat.“ Die Staatsregierung könnte die Schutzunterkünfte auch in die bayerischen Städte verlegen, aber dann muss die Staatsregierung auch dafür bezahlen. Dabei muss ganz klar sein, dass die LGBT*-Geflüchteten auch in die entsprechenden Städte zugewiesen werden– und zwar problemlos und nicht immer mit einem ewigen Kampf!

Text & Interview: Leonie Hudelmaier
Illustration: Franziska Romana