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Edward M
Unsere sichere Bleibe und noch mehr Gefahr

Edward M. (27) ist vor einem halben Jahr nach Deutschland gekommen. Sein Engagement für die Sicherheit anderer brachte ihn selbst in Gefahr und veranlasste ihn zur Flucht aus Uganda. Er konnte vor Kurzem vom bayerischen Geisenhausen nach München umziehen und hat einen dreijährigen Aufenthalt genehmigt bekommen. Im Interview erzählt Edward, wie er durch sein Safe Housing Projekt in Uganda vor Ort eine sichere Bleibe für queere Menschen schaffen wollte – und warum er damit schlussendlich scheiterte.

Edward, zunächst einmal: Was ist Safe Housing?
Ein Safe House ist ganz generell ein Ort, an dem jeder ohne Ängste vor der Außenwelt so sein kann und so leben kann, wie er möchte. Mein Safe House in Uganda war besonders für verstoßene LGBT*-Menschen, aber auch Sexarbeiter brauchen eine sichere Unterkunft. Wenn ich hier von Sicherheit spreche, dann ist das alles vom Schlafplatz über persönliche Betreuung, Verpflegung, medizinische Versorgung bis hin zu handwerklicher Weiterbildung und bürokratischer Unterstützung. Das alles ermöglicht Freiheit in einer sicheren Gemeinschaft fernab von der Gewalt der Polizei, der Familien und der Bevölkerung.

Warum braucht Uganda ein Safe Housing Projekt?
Uganda braucht mehrere Safe Housing Projekte! Denn zum einen ist Homosexualität noch immer verboten und zum anderen sind Gewalt in den Familien und Homophobie in der Bevölkerung extrem verbreitet. Jeder queere Mensch läuft Gefahr, von der Polizei und der Bevölkerung verfolgt und verletzt zu werden.

Also vor allen Dingen ein Zufluchtsort für Menschen in Not oder geht es auch um Prävention?
Man sollte auch das Alter der meisten Bewohner in einem Safe House beachten. Die meisten sind Jugendliche, die vor der Gewalt ihrer Familien geflohen sind oder verstoßen wurden. Wenn die Jugendlichen dann auf der Straße landen ohne irgendeine Unterstützung oder Anlaufstelle, dann bleibt ihnen oft nur die Sexarbeit zum Überleben. Wenn die Jugendlichen aber einen Schlafplatz und etwas zu Essen haben, dann können sie sich auch gegen die Sexarbeit entscheiden. Wir brauchen nicht eines, zwei oder drei Safe Housing Projekte, sondern so viel wie möglich in ganz Uganda! Nur so können sich queere Jugendliche wirklich frei gegen die Sexarbeit entscheiden und vor der Gewalt durch die Familien, die Polizei und die Bevölkerung geschützt werden.

In welcher Funktion warst du am Safe House beteiligt?
Ich habe das Projekt ins Leben gerufen. Ich war Leiter unseres Hauses und Vorstand von unserer Organisation „Let’s Walk Uganda“. Das Safe House war das größte und wichtigste Projekt von unserer Organisation. Ich habe mich um das Organisatorische gekümmert und immer wieder neue Kontakte geknüpft und Helfer angeworben. Alleine konnte ich das alles nicht schaffen. Einige freiwillige Helfer hatten sich beispielsweise um die gesundheitliche Versorgung der Jugendlichen im Safe House gekümmert. Andere haben handwerkliche Kurse kostenlos für die Bewohner angeboten. Ohne all die Freiwilligen wäre das Projekt so nicht möglich gewesen.

Wie „safe“ ist ein Safe House?
Ich will hier nicht lügen und ich will auch nirgendwo lesen, dass ein Safe House wirklich komplett sicher ist. Besonders in einer Gesellschaft wie in Uganda kann ein Safe House auch immer leicht von verschiedenen Gruppen attackiert werden. Die Polizei bräuchte zur Hausdurchsuchung zwar eigentlich einen Gerichtsbeschluss, aber hält sich meist nicht daran. Damit kann die Polizei im Prinzip machen, was sie will. Sobald die Polizisten also von einem Safe House von queeren Jugendlichen wissen, wird es für alle extrem riskant. Ein Safe House ist also nur so lange „safe“, solange die Bewohner in der Öffentlichkeit nicht auffallen. Ich habe von Anfang an immer gesagt, dass sich nach außen hin jeder Einzelne bedeckt halten muss. Nur wenn keiner auffällt, gibt es Sicherheit für alle.

Kann den „nicht auffallen“ ein erstrebenswerter Vorsatz sein?
Viele der Jugendlichen waren Transgender. Wenn sie in die Öffentlichkeit in Geschäfte oder eine Bar gehen, dann ist das aber extrem gefährlich. Jeder Transgender läuft in der Öffentlichkeit immer Gefahr angegriffen zu werden. Aber die Bevölkerung merkt sich auch aus welchem Haus sie kamen und damit gerät das gesamte Safe House in Gefahr. Im Haus kann jeder so sein, wie er möchte. Aber außerhalb vom Haus darf einfach niemand auffallen.

Wenn wir gemeinsam auf eine Gay Party gehen, dann fahren wir mit dem Taxi zu einem anderen sicheren Ort. Wir nutzen nie öffentliche Verkehrsmittel und sind immer sehr vorsichtig. Jeder Transgender ist für die Sicherheit aller immer mitverantwortlich.

Wie lange gab es das Safe House in Uganda?
Im Jahr 2015 habe ich „Let’s Walk Uganda“ gegründet und ein Jahr später das Safe House Projekt gestartet. Angefangen haben wir da noch mit einer 1-Zimmer-Wohnung mit Platz für bis zu sechs Jugendliche. Später sind wir dann in ein kleines, eingezäuntes Haus mit Platz für über 20 Menschen umgezogen. Doch Anfang 2018 konnte unsere Organisation das Haus nicht mehr bezahlen und wir wurden von homophoben Nachbarn angegriffen. Wir mussten das Projekt also einstellen.

Gab es Gegner des Projekts?
Ganz oben standen die Polizisten, die mit der Verhaftung von queeren Jugendlichen ein Kopfgeld verdienen. Auch wenn eine Hausdurchsuchung ohne Gerichtsbeschluss illegal ist, nehmen das viele Polizisten für den Gewinn in Kauf.

Ein anderer großer Gegner war die Bevölkerung. Viele sehen Homosexualität als etwas „Ansteckendes“ und haben Angst um ihre Kinder. Denn die Religion sieht Homosexualität als Krankheit und ist klar gegen queeres Leben. Ganz am Ende kam der Angriff auf unser Safe House, aber es begann schon viel früher mit Beleidigungen in der Öffentlichkeit.

Das klingt nach ständigem Gegenwind und dauerhaften Konflikten.
Viele Journalisten schreiben ohne eine tiefgründige Recherche und werfen ein extrem schlechtes Licht auf die Safe Housing Projekte. Sie stellen die Häuser so dar, als seien sie für Sex und Drogen und nicht für den Schutz von Unterdrückten. Aber queere Menschen in Uganda sind sich auch selbst ein Feind. Manche halten sich ganz bewusst nicht bedeckt und wollen in der Öffentlichkeit beispielsweise als Dragqueen auffallen. Das bringt aber eben nicht nur sie in Gefahr, sondern alle.

Hatte das Projekt denn überhaupt Befürworter außerhalb des engsten Kreises?
Wir haben eine große Liste von Freunden und Unterstützern, aber kaum aus Uganda selbst. Wir waren international vernetzt mit NGOs, queeren Organisationen und ehrenamtlichen Anwälten. Natürlich hatten wir auch einige Freiwillige bei „Let’s Walk Uganda“ und im Safe House aus Uganda direkt, aber das Projekt stand und fiel mit der internationalen Unterstützung.

Über welche Geldquellen habt ihr das Projekt finanziert?
Wir hatten nur zwei große Spender und konnten damit schon wirklich viel bewirken. Ein Freund aus Berlin und einen Freund aus London. Damit konnten wir zumindest die Miete, Matratzen und unser Essen bezahlen.

Was hat das Safe House für deine eigene Sicherheit bedeutet?
Mein Leben wurde viel unsicherer. Sobald ich mit dem Projekt angefangen hatte, war ich mehr und mehr in Gefahr. Für die Polizei und die Bevölkerung wurde ich zum Feind. Ich bekam Drohanrufe und nutzte zur Sicherheit einen falschen Namen. Am Ende wurde nach mir wegen angeblicher Verbreitung von Homosexualität gefahndet.

Du lebst nun in München. Welche Möglichkeiten hast du beziehungsweise haben Außenstehende heute generell?
In Uganda gibt es aktuell kein einziges Safe Housing Projekt mehr. Dabei holt jedes Projekt Jugendliche von der Straße und sichert ihnen ein Überleben ohne Sexarbeit. Jeder Euro und jede kleine Spende schafft das. Mit fünf Euro können wir jemanden drei Wochen ernähren, mit zehn Euro können wir schon eine Matratze kaufen. Es braucht gar nicht unzählig viele Spender, sondern nur durch wenige kann jeder ein Safe House wieder aufbauen.

Text: Jan Batzner
Fotos: Francesco Giordano