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Edward A
„… und das ist auch gut so.“

Kann man auf etwas stolz sein, wofür einen der eigene Staat ins Gefängnis stecken möchte? In Uganda zahlt Edward A. Schutzgeld, in Deutschland zeigt er seine Persönlichkeit in allen Facetten – Nebenwirkungen inklusive. Eine Fluchtgeschichte über Liebe, Hass und Klaus Wowereit.

Mitte November 2018, ein Café in der Augsburger Innenstadt. Edward A. bestellt Cappuccino und Rührei mit Speck, ein verspätetes Frühstück. Nach kurzer Zeit hat der 27‑Jährige einen weiteren Wunsch an die Bedienung – das WLAN‑Passwort. Sein Datenvolumen ist beinahe schon wieder aufgebraucht. In seiner Flüchtlingsunterkunft südlich der Stadt gibt es keinen Internetzugang. Er fühle sich dort ein wenig einsam und verbringe daher viel Zeit online.

Edward kommt aus Uganda und ist schwul. Seit etwas mehr als vier Monaten lebt er nun in Deutschland. Er ist als Flüchtling anerkannt, seine Aufenthaltserlaubnis ist zunächst auf drei Jahre befristet. Entsprechend gelöst wirkt er. „Ich bin einfach glücklich, hier in Sicherheit ich selbst sein zu dürfen“, sagt Edward und lächelt. Er ist stolz auf sein Schwulsein, nennt es „ein Geschenk Gottes“. Denn: „Ich bin genau so, wie ich sein sollte.“ Eine Haltung, die man ihm in seinem Heimatland mit Prügel vergolten hatte. Plötzlich vibriert Edwards Mobiltelefon auf dem Tisch, ein Freund in Uganda meldet sich per Videoanruf. Er möchte wissen, wie es so vorangehe in Deutschland, erkundigt sich nach Neuigkeiten. Dieser Freund sei ebenfalls schwul, auch er plane, Ostafrika zu verlassen, sagt Edward nach Ende des Gesprächs.

Trotz relativ kurzer Zeit in einer völlig neuen Umgebung wirkt er nicht verunsichert. Edward spricht selbstbewusst, die Freude daran, bezogen auf seine Sexualität ohne Blatt vor dem Mund sagen zu dürfen, was er denkt, ist ihm sichtlich anzumerken.

Zurzeit lese er ein Buch, Titel: „When in Germany – do as the Germans do“, ein interkultureller Ratgeber für die Bundesrepublik. Durch die Lektüre habe er von Klaus Wowereit erfahren. Bei dessen Nominierung als SPD‑Kandidat für die Bürgermeisterwahl in Berlin sprach der Politiker 2001 den Satz: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Der Ausspruch wurde später zum geflügelten Wort und Wowereit Regierender Hauptstadt‑Bürgermeister. Edward hat diese Geschichte beeindruckt. „Rollenvorbilder in hohen öffentlichen Positionen sind extrem wichtig“, sagt er. Er ist sich sicher, dass es auch in Uganda homosexuelle Politiker gibt. „Sie outen sich nicht, weil sie damit ihre Autorität aufs Spiel setzen würden“, so Edward. Grundsätzlich hegt er durchaus die Hoffnung, dass sich die Umstände in seinem Herkunftsland wandeln könnten, hin zu mehr Offenheit und Toleranz. Wenn auch nicht in naher Zukunft: „Vielleicht können unsere lesbischen Enkelinnen und schwulen Enkel dort sicher leben.“ Für ihn selbst und andere Mitglieder der LGBT*‑Community sei das unter den aktuellen Verhältnissen nicht möglich.

Laut eigener Einschätzung hat er für einen Ugander relativ helle Haut. Durch Schläge der Militärpolizisten und die dadurch beigefügten Blutergüsse, habe sie sich jedoch buchstäblich schwarz gefärbt. Er sei mit einem anderen Mann „erwischt“, eingesperrt und erst gegen eine Art „Kaution“ wieder freigelassen worden. Anschließend sollte er regelmäßig Geld abliefern. „Solange man zahlt, hält die Polizei das Verfahren in der Schwebe und gibt es nicht an das Gericht weiter“, schildert Edward. Er sei sicher gewesen, dass man ihn vor Gericht verurteilt und ins Gefängnis gesteckt hätte. Neben öffentlichem Stigma und gesellschaftlicher Ausgrenzung hätten ihm in der Haftanstalt ständige körperliche Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen gedroht, deshalb zahlte er am Anfang. Schutzgelderpressung auf ugandisch. Als ihm klar geworden sei, dass dieser Kreislauf nicht enden würde, floh er.

Zweieinhalb Monate später, ein weiteres Treffen in Augsburg. Edward steht in der Wohnungstür, eingepackt in eine dicke dunkelgrüne Winterjacke, die den Umfang des ansonsten sehr dünnen Mannes gefühlt verdoppelt. Die schwäbische Metropole ist in eisige Januarkälte getaucht. Vor dem Gespräch tätigt er zwei kurze Anrufe. Er ist auf Wohnungssuche, will ausziehen aus der Unterkunft außerhalb der Stadt. Bisher habe er jedoch kein Glück gehabt. „Die Leute sind bei Vermietungen an Flüchtlinge sehr skeptisch“, sagt Edward. Gerade kommt er vom Unterricht, sein Deutschkurs hat in der Zwischenzeit begonnen. Immer wieder streut er neu erlernte Wörter in die Unterhaltung ein. Auch auf beruflicher Ebene gibt es Neuigkeiten. In Uganda studierte er „Accounting and Finance“. Aufgrund dieser Qualifikation wurde er nun zum Auswahlverfahren eines Geldinstituts eingeladen. Im Frühling wird er mehrere Male nach Frankfurt reisen, um sich bei Trainings für eine Anstellung zu empfehlen. Allem Anschein nach hat sein Leben in Deutschland deutlich an Struktur gewonnen. Ob er etwas aus seinem alten Leben in Uganda vermisse? „Meine Familie“, sagt Edward. Zwar akzeptiere auch sie seine Sexualität nicht, dennoch sei Familie eben Familie. Ach ja, und das Nachtleben. In Kampala, der Hauptstadt Ugandas, sei immer etwas los gewesen. Das geringe soziale Angebot in seinem Wohnort ist ein weiterer Grund, weshalb er direkt in die Stadt ziehen möchte, neben einigen Unstimmigkeiten mit anderen Bewohnern der Asylunterkunft. Die Wochenenden verbringt er oft im Kreis der LGBT*‑Community in München.

Nach einigen Gesprächen mit Edward bekommt man den Eindruck, Wowereits berühmter Satz hätte in genau derselben offensiven Formulierung und Ausdrucksweise auch aus dem Mund des Mannes aus Uganda kommen können. Man glaubt ihm ,wenn er sagt, selbst nie ein Problem mit seiner Sexualität gehabt zu haben. Er ist stolz auf sein „Gottesgeschenk“ und es scheint, als wolle er es nun, in einer toleranten Gesellschaft, auch mit seiner Umwelt teilen. Mit einem sich offenbar Bahn brechenden neuen Freiheitsgefühl streift Edward dabei auch das ein oder andere stereotype Fettnäpfchen. In einem Lesungstext zum Thema „Single-Dasein“ glorifizierte der 27-Jährige beispielsweise klassische Schönheitsideale und ein daraus resultierendes aufregendes Liebesleben.

Auf einem Foto von einem Münchner Queer‑Event ist Edward in einer dottergelben Kunstpelzjacke zu sehen, die den Vergleich zum Kanarienvogel fast schon provoziert. Vielleicht entspricht eine gewisse Exzentrik Edwards Persönlichkeit, vielleicht ist es schlicht der Reiz von Dingen, die in der ugandischen Öffentlichkeit undenkbar gewesen wären.

Neben Sicherheit und den neuen Freiheiten bezüglich seiner persönlichen Entfaltung, wolle er vor allen Dingen die Möglichkeiten nutzen, die sich ihm in Deutschland bieten, sagt Edward. So unzufrieden er auch mit seiner aktuellen Wohnsituation sei, so dankbar sei er auch über die staatlichen Zuwendungen, die ihm das Nötigste zum Leben sichern. Vollends davon abhängig zu sein, gefällt ihm allerdings nicht. Sein Plan ist, baldmöglichst eigenes Geld verdienen und so auch in diesem Lebensbereich mehr und mehr Selbstbestimmung erlangen. Edwards Selbstbewusstsein, sein Auftreten und Tatendrang vermitteln unwillkürlich eine in gewisser Weise ansteckende Zuversicht, was seine gesteckten Ziele betrifft.

Ein junger Mensch, der seine Familie und Heimat allein verlassen muss, weil die dortige Gesellschaft, Politik und Justiz hassen was er ist – wie hat er es geschafft, sich im Angesicht von alledem seine Unbeschwertheit und seinen Stolz bezüglich der eigenen Sexualität zu bewahren? Was gibt ihm Halt in schweren Momenten, Halt, um in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen? Edward sagt: „Love is my religion.“ Er meint die Liebe zu seiner Umwelt und den Menschen in seiner Umgebung, aber auch die Liebe zu sich selbst. Keine egozentrische, arrogante Selbstverliebtheit, sondern eine innere Akzeptanz als Basis des eigenen Seins. Eben ganz im Wowereit’schen Sinne: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“

Text: Jonas Wengert
Fotos: Santiago Loesslein Pulido