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Ali
Spießer

Gemeinsame Wohnung, Arbeit, Beziehung: unter stereotyp bürgerlichen Gesichtspunkten fehlt Ali eigentlich nur ein Hund und ein Bausparvertrag. Leben mit seinem Partner wäre so in Afghanistan unmöglich - sogar er selbst war von schwulen Männern in Deutschland anfangs irritiert.

Ali öffnet die Tür. Für das Gespräch hat er zu sich nach Hause eingeladen. Schräg hinter ihm steht ein weiterer junger Mann, ein Kumpel der gerade zu Besuch sei. Es wirkt im ersten Moment ein wenig, als habe sich Ali für das Treffen seelisch-moralische Unterstützung an die Seite geholt. Er gibt eine kurze Führung. Das kombinierte Wohn- und Esszimmerist recht geräumig, alles in der Wohnung macht einen sehr gepflegten Eindruck. Von der Küche führt eine Tür auf einen kleinen Balkon. Hier, auf circa 65 Quadratmeter im Hochparterre einer Wohnanlage im Augsburger Stadtteil Oberhausen, wohnt Ali zusammen mit seinem Freund Michael. Er ist sehr zuvorkommend, bietet verschiedene Getränke an und meint, er könne später auch noch etwas zu Essen machen. Man einigt sich auf eine Kanne Chai-Tee.

Das Jahr 2019 ist an diesem Donnerstag gerade einmal drei Tage alt, die Temperaturen meiden den positiven Bereich der Thermometerskala heute durchgängig. Laut seinem derzeitigen Ausweisdokument hatte Ali vor zwei Tagen Geburtstag. Das stimme jedoch nicht, sagt er, sondern stehe „nur auf dem Papier.“ Da er bei seiner Ankunft in Deutschland im Dezember 2015 keinen gültigen Pass bei sich hatte, habe die Behörde für ihn ein Geburtsdatum festgelegt – 01.01.1994. Anstatt an Neujahr sei er jedoch eigentlich knapp drei Monate später geboren, und er werde heuer auch nicht 25, sondern erst 21 Jahre alt. Sein eigentlicher Geburtstag sei der 28. März 1998, doch das habe ihm bei der Registrierung niemand geglaubt. Offizielle Dokumente aus Afghanistan seien zwar beantragt worden, ließen aber bereits seit einem halben Jahr auf sich warten.

Ali stammt aus der Provinz Sar-i Pul, seine Familie habe er bereits 2013 verlassen. Er wollte sein Glück in der größeren Anonymität von Masar-e Scharif und der afghanischen Hauptstadt Kabul suchen. Dort habe er jeweils einige Monate gelebt und als Obstverkäufer gearbeitet, ehe er sich endgültig entschloss, sein Land zu verlassen. Über Pakistan und Iran sei er in die Türkei geflohen, von dort aus über die Balkanroute nach Deutschland. Als Antwort auf seinen Asylantrag habe er einen Ablehnungsbescheid bekommen, erzählt Ali.
Er habe zu Beginn verschwiegen, dass er aufgrund seiner Homosexualität geflohen war. Beim ersten Behördeninterview sei ein iranischer Dolmetscher für Persisch mit dabei gewesen, da habe er sich nicht getraut. Mit seinem eigentlichen Asylgrund und der Unterstützung einer Anwältin hat er gegen den Ablehnungsbescheid geklagt, das Verfahren läuft seit über einem Jahr.

An der Wand und auf den Regalen in der Küche sind allerlei Fotos zu sehen. Bilder von Ali zusammen mit seinem Freund, aber auch Bilder mehrerer jungen Frauen. „Das sind die Töchter von Michael“, sagt Ali. Sein Freund ist um einiges älter als er. Seit eineinhalb Jahren sind die beiden ein Paar, vor drei Monaten ist er bei Michael eingezogen. Auch dessen Familie kennt Ali bereits, im vergangenen Sommer besuchte er sie zusammen mit seinem Partner. Dann seien alle zusammen essen gegangen, erzählt er, sehr schön sei das gewesen. Zu seiner eigenen Familie hat er alle paar Monate Kontakt. Sie weiß, dass er in Deutschland ist, vom Grund seines Asylantrags hingegen habe er nichts erzählt und auch nichts von Michael.

Wie ist das für ihn, hier in Deutschland offen eine Beziehung mit einem anderen Mann zu führen? „In Afghanistan ist das völlig unmöglich“, sagt Ali. Als er jünger war, habe er gezweifelt, ob es überhaupt andere schwule Männer gebe. In seinem Heimatland werde über Homosexualität nicht gesprochen, geschweige denn seien gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit sichtbar. Sein erster Besuch im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum (SUB) in München sei „merkwürdig“ gewesen, gibt Ali zu. „Warum ist das so frei?“, dachte er damals. In Afghanistan würden sich selbst Hetero-Pärchen in der Gesellschaft nicht offen zu erkennen geben. Die selbstverständliche und unverblümte Zuneigung unter Männern hierzulande sei deshalb völlig neu für ihn gewesen. An dieser Stelle schaltet sich sein Kumpel ein. Er ist selbst Afghane und ebenfalls schwul, seinen Namen möchte er nicht nennen. Was den Kulturschock zu Beginn seiner Zeit in Deutschland angeht, pflichtet er Ali bei. In Afghanistan seien alle Lebensbereiche von Zwängen belastet.

„Frauen dürfen nur zu Ärztinnen gehen“, sagt er, „Männer nur zu Ärzten.“ Hier in Deutschland können Frauen Bikini tragen und seien gleichberechtigt, in seiner Heimat habe er derlei einfach nie erlebt, von Rechten für Lesben oder Schwule ganz zu schweigen. Inzwischen habe sich seine Wahrnehmung natürlich geändert, sagt Ali, er gehe auch mit Michael händchenhaltend durch Augsburg. Schlechte Erfahrungen aufgrund seines Schwulseins habe er hier in Deutschland bisher nicht gemacht. Seine einzige Sorge ist, dass andere afghanische Flüchtlinge, mit denen er in Unterkünften in Aschheim und Pfaffenhofen wohnte, von seiner Beziehung erfahren könnten.

Zwei Jahre lang habe er Sprachkurse besucht, erzählt Ali, er führt die komplette Unterhaltung auf Deutsch. Bis auf die undeutliche Aussprache weniger Wörter und dem ein oder anderen falsch benutzten Artikel kann man dem Gesagten sehr gut folgen. Im vergangenen September hat er eine Ausbildung zum Hotelfachmann begonnen, arbeitet aktuell im Service und an der Rezeption, heute hat er frei. Zu diesem Zeitpunkt weiß Ali noch nicht, dass ihm die Stelle kurze Zeit später, nach Ende der Probezeit, gekündigt werden wird. Er teilt es einige Wochen später per Nachricht mit. Als Begründung habe man mangelnde Deutschkenntnisse angeführt. „Das hat mich überrascht“, schreibt Ali, „und auch traurig gemacht“. Aber es gehe weiter. Er habe bereits wieder eine Zusage und werde bald in der Produktion einer Großmolkerei anfangen. Michael helfe ihm bei der Jobsuche und beim Schreiben von Bewerbungen. Er wolle nun erst einmal eine Zeit arbeiten, langfristig werde er sich aber erneut um einen Ausbildungsplatz bemühen. Veranstaltungstechniker oder Landschaftsgärtner würden ihn interessieren.

In seiner Küche spült Ali die inzwischen leere Teekanne, durch die Badtür ist das Schleudern der Waschmaschine zu hören. Michael sei noch arbeiten und komme später nach Hause. Was seine Zukunft betrifft, wolle er vor allen Dingen nicht wieder zurück nach Afghanistan. Er habe die Sprache gelernt und sei froh in Freiheit zusammen mit seinem Freund leben zu können. „Ich bin zufrieden hier in Augsburg“, sagt Ali. Arbeit, Beziehung, gemeinsame Wohnung – anderen jungen Männern im Alter von 20 Jahren mit einem vergleichbaren Lebensrhythmus würde man 2019 in Deutschland vermutlich das Etikett „außergewöhnlich“ (im Sinne von spießig) verpassen. Im Kontext junger unbegleiteter Flüchtlinge, deren Asyl- und Integrationsprozess in der Regel häufig von Unsicherheit, Missverständnissen und Verlorenheit geprägt ist, mutet tatsächlich auch Alis Leben außergewöhnlich an, außergewöhnlich stabil.

Text: Jonas Wengert
Fotos: Daniel Fuchs