Home

David S
Mein Name ist David S

Seit fünf Jahren bin ich in Deutschland und verbringe meine Tage seitdem vor allem mit einer Sache: Warten. Ich warte auf Anhörungstermine, auf Bescheide, auf eine Arbeitserlaubnis, auf das Recht, hier in Freiheit leben zu dürfen. Das Warten dauert Tage, Monate, Jahre. In dunklen Momenten frage ich mich, was ich hier mache, worauf es sich eigentlich zu warten lohnt, ob ich nicht meine Zeit verschwende.

„Im Rahmen der Anhörung haben die Antragsteller die Möglichkeit ihre Fluchtgründe vorzutragen. Anhand des Vortrags prüft der Entscheider, welche Gefahr dem Asylsuchenden bei Rückkehr ins Herkunftsland droht und entscheidet, ob und welcher Schutz zu gewähren oder ob ein Asylantrag abzulehnen ist. In der persönlichen Anhörung wird zunächst Art und Schwere der im Herkunftsland drohenden Maßnahmen ermittelt. Anschließend wird geprüft, ob der Antragsteller mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit davon betroffen war oder bei Rückkehr sein wird.“ [Erklärung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge auf eine Anfrage zum Prozedere der Anhörung]

Im Sommer 2016 bekam ich eine Vorladung zur Anhörung beim BAMF. Der Termin war auf 9 Uhr morgens angesetzt. Ich stand um 6 Uhr auf, um pünktlich zu sein. Die ganze Zeit über war mir heiß, ich schwitzte. Das Gespräch verlief schrecklich. Ich habe Ihnen meine ganze Geschichte erzählt – von Anfang an und ohne etwas auszulassen. Weißt du, wie schwer es ist, einem Fremden die persönlichsten Erlebnisse zu erzählen? Und dann stellen sie Fragen, als wäre ich ein Lügner. Da bin ich wütend geworden. Ich habe die Kontrolle verloren und wollte nicht mehr erzählen. Ich verstecke meine Identität nicht mehr, es ist genug! Danach habe ich das alles meinem Anwalt erzählt, der dann erwirkt hat, dass ich eine zweite Anhörung bekomme, weil die erste nicht korrekt durchgeführt worden war.

Ein ganzes Jahr musste ich auf den zweiten Termin warten. Dann, im August 2017, musste ich nochmal zum BAMF. Nochmal meine ganze Geschichte erzählen, nochmal alle Fragen aushalten und die zweifelnden Blicke des Entscheiders über mich ergehen lassen. Ich war besser vorbereitet diesmal, hatte sogar ein Plädoyer vom Münchner Schwulentreff SUB dabei. Diesmal saßen zwei Frauen in dem Raum, eine Entscheiderin und eine Übersetzerin. Wie kann eine Frau wissen, wie es ist, schwul zu sein? Nervös war ich diesmal nicht. Wieso auch? Ich bin kein Krimineller. Also habe ich nochmal meine Geschichte erzählt – fast vier Stunden lang. Die Fragen, die sie mir stellten, waren die gleichen wie beim ersten Mal. Als ich fertig war, hatte ich das Gefühl, dass sie mir wieder nicht glauben. Das merkte ich an ihrer Art zu fragen. Als hätten sie mir nicht zugehört.

Vier Wochen nach der zweiten Anhörung kam der Bescheid. Ich wusste noch bevor ich den Brief öffnete, was drinstehen würde:

„Die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Anerkennung als Asylberechtigter liegen nicht vor.“ [ Bescheid vom 7. September 2017. An den Rand hat er „why“ geschrieben – mit Bleistift, sodass er es jederzeit wegradieren könnte]

Mein Vater starb im Bürgerkrieg, meine Mutter gab mich zu einem Onkel, wo ich aufwuchs. Schon früh, mit 12 oder 13, habe ich gemerkt, dass ich anders bin, konnte das Gefühl damals aber nicht benennen. Außerhalb von Sierra Leones Hauptstadt Freetown gibt es ein Waldstück. Dort treffen sich schwule Männer, um Sex zu haben. Ich hatte davon gehört und als ich älter wurde, ging ich regelmäßig hin. Normalerweise kommt niemand dort vorbei. Einmal aber, ich war 16, muss uns jemand beobachtet haben und rief die Polizei. Sie steckten mich ins Gefängnis, dann brachten sie mich zum Gericht. Dort konnte ich durch ein Toilettenfenster entkommen. Zu meinem Onkel konnte ich nicht zurück, ich streifte durch die Stadt und schlief in leerstehenden Häusern. Um Geld zu verdienen, spülte ich an einem Imbiss Teller, ab und zu schlief ich mit Straßenjungen. Dann haute ich ab.

„Er hat seine begründete Furcht vor Verfolgung nicht glaubhaft gemacht. Der Sachvortrag des Antragstellers genügt nicht den aufgeführten Kriterien eines Verfolgungsschicksals. Die Angaben des Antragsstellers zu den fluchtauslösenden Ereignissen blieben arm an Details, vage und oberflächlich. Insgesamt sind seine Ausführungen widersprüchlich und nicht nachvollziehbar.“ [Bescheid vom 7. September 2017]

Ich schlug mich ins 7000 Kilometer entfernte Ägypten durch. Dort bezahlte ich Schlepper, die mich in die Türkei bringen sollten. Dort blieb ich eineinhalb Jahre, verdingte mich ohne Arbeitserlaubnis in einer Textilfabrik und hasste das Leben dort. Nur selten traute ich mich zu einem der wenigen öffentlichen Treffpunkte für Schwule zu gehen. Einmal wollte mich einer mit zu sich nehmen, stoppte auf dem Weg in einer dunklen Gasse, hielt mir ein Messer vor und raubte mir alles, was ich in den Taschen hatte. Ich haute wieder ab, nach Griechenland. Dort stieg ich in einen Zug, der mich wegbringen sollte.

„Dass der Antragsteller aufgrund seiner Homosexualität in seinem Heimatland von der Gesellschaft weder ausgegrenzt noch bedroht oder verfolgt wurde, wird durch seine eigenen Angaben offenkundig.“ [Bescheid vom 7. September 2017]

Im Sommer 2015 kam ich in München an. Ich wusste nicht, wie sie in Deutschland mit Schwulen umgehen, ob sie akzeptiert werden oder nicht. Deshalb verbarg ich zuerst, wer ich war und dass ich schwul bin. Die ersten acht Monate verbrachte ich in der Bayernkaserne. Dort war ich mit Flüchtlingen aus vielen Ländern zusammen, manche davon kamen auch aus Sierra Leone. Viele kommen aus Ländern, in denen Schwule verfolgt werden. Einmal, bei der Essensausgabe, kam einer auf mich zu und sagte: „Ich sehe dich nie mit einem Mädchen. Bist du schwul?“ Es klang feindselig und machte mir Angst. Darum habe ich einen Antrag gestellt, in eine andere Unterkunft verlegt zu werden und kam nach Ingolstadt.

Dort war es auch nicht besser, weil ich mir die Unterkunft mit vielen Flüchtlingen aus arabischen Ländern teilen musste. Ich habe drei Jahre lang Deutsch gelernt, bin dafür zur Schule gegangen, habe alles getan, was die Behörden von mir wollten. Gerade arbeite ich dreimal die Woche als Küchenhilfe in einem Gasthof in Vaterstetten, eigentlich will ich eine Ausbildung zum Koch beginnen, mein Chef hat mir schon lange einen Arbeitsvertrag angeboten. Aber ohne die Zustimmung des Landratsamts darf ich das nicht. Dafür wäre wiederum nötig, dass das BAMF mich als Flüchtling anerkennt. Wobei das nur ein kleiner Punkt von vielen ist: Ich bin nicht arm, ich will nicht euer Geld, ich will, dass ihr mein Leben schützt: Gay people have to be protected, not rejected!

„Die Tatsache, dass homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt sind, ergibt für sich genommen noch keine Verfolgungshandlung. [...] Danach und unter Beachtung der Verhältnisse im Herkunfts- land ist auch bei Rückkehr eine Verfolgung nicht beachtlich wahrscheinlich.“ [Bescheid vom 7. September 2017]

Mein Onkel ist strenggläubiger Muslim, wie die meisten Menschen in Sierra Leone. Zwar sagt der Präsident, dass Homosexuelle frei sind. Würde ich aber auf der Straße mit einem Mann zusammen gesehen werden, würde man mich entweder verhaften oder noch Schlimmeres mit mir anstellen. Auch wenn die Behörden in Deutschland es nicht glauben wollen: Ein Coming Out ist in Sierra Leone nicht möglich – man wird von der Familie verstoßen, von der Gesellschaft geächtet und von Radikalen gejagt.

„Die Wahrheitsfindung durch die Behörde muss sich auch stets in den Grenzen der Menschenwürde der Geflüchteten bewegen: nicht verlangt werden dürfen daher z. B. psychologische Gutachten, medizinische Tests, intime Fotos oder Videos oder explizite Schilderungen sexueller Praktiken.“ [Erklärung des Bundesamts auf eine Anfrage zum Prozedere der Anhörung]

Ich habe hier meinen Freund kennengelernt und genieße es, händchenhaltend mit ihm durch die Straßen zu laufen und ihn küssen zu können, wo ich will. Er kommt auch aus Sierra Leone und hat das Land aus demselben Grund verlassen wie ich. Im Sommer war ich beim Christopher Street Day und habe mit vielen Freunden auf der Straße getanzt und gefeiert. Wann immer ein Gay-Pride-Event ist, bin ich da. Wie soll jemand vier Jahre lang vorgeben, jemand zu sein, der er nicht ist? Ich weiß wirklich nicht, was das BAMF von mir will. Wenn sie wollen, dass ich mit meinem Freund vor ihren Augen Sex habe – kein Problem. Aber das darf ich auch nicht. Wie soll ich denn beweisen, dass ich schwul bin? Homosexualität sieht man niemandem an, es ist in meinem Kopf, in meinen Adern, in meinem Herzen. Ich habe mir eine Anwältin gesucht, um das Urteil anzufechten. Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als weiter zu warten.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wären es zwei einfache Dinge: Ich möchte mit meinem Partner das Leben führen, das ich liebe. Und: Das Warten soll ein Ende haben.

Text: Dominik Wolf
Fotos: Lorraine Hellwig