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Richard M
Life-file

„Seit ich in Deutschland bin, schlafe ich nie mehr als zwei Stunden durch. Ich dachte, es würde mir besser gehen, weil ich in einem sicheren Land bin. Aber ich habe Angst. Und wenn ich mal schlafe, dann habe ich fast immer Albträume.“

An den meisten Tagen fühlt sich Richard M.s Leben an wie ein dunkler Tunnel ohne Licht am Ende. Und so oft er dann seine Möglichkeiten, etwas gegen diese Dunkelheit zu tun, auch durchspielt: Was dabei herauskommt, ist aussichtslos. Als Geflüchteter in Deutschland kann Richard nicht in einer eigenen Wohnung wohnen, nicht arbeiten, nicht das Leben führen, das er sich wünscht.

„Ich bin nach Deutschland gekommen, um Schutz zu suchen. Und ich bin dankbar, hier sein zu dürfen. Aber ich fühle mich so nutzlos. In meiner Heimat habe ich hart gearbeitet. Wieso geben sie mir hier keine Chance, unabhängig zu sein? Wenn ich arbeiten dürfte, könnte ich diesem Land etwas zurückgeben.“

Richard kommt aus Tansania. Dorthin zurückkehren will er nicht. Er kann es nicht. Sein Freund, ein in Tansania bekannter Politiker, wird im Februar 2018 ermordet, wohl aus politischen Motiven. Richard sagt, der Mord sei bis heute ungeklärt. Die Ehefrau des Mannes, mit dem Richard fast sechs Jahre zusammen ist, weiß da schon lange von dieser heimlichen Beziehung. Und als ihr Ehemann ermordet wird, gibt sie Richard die Schuld. Sie droht ihm, erzählt Richard. Eines Tages stehen zwei Männer vor seiner Tür. Mit einer Zange ziehen sie Richard zwei Backenzähne, so erzählt er es.

„Das war der Moment, als ich entschieden habe, dass ich flüchten muss. Ein Freund sagte zu mir: Diesmal waren es nur die Zähne, nächstes Mal ist es vielleicht dein Leben. Ich hoffe, dass ich in Deutschland bleiben kann. Wenn ich nach Tansania zurück muss, werde ich getötet. Diese Leute suchen mich. Wenn ich als Schwuler in Frieden in Tansania leben könnte, wäre ich gerne dort geblieben. Ich habe meine Heimat gemocht. Ich hatte einen Job als Marketing-Manager, ein gutes Gehalt. Jetzt sitze ich den ganzen Tag in diesem engen Zimmer. Es ist dreckig. Ich fühle mich ungepflegt und hässlich. Wir werden dort behandelt wie Affen. Und wir werden alle krank und depressiv.“

Der 32-Jährige ist im Mai 2018 nach Deutschland gekommen, über Umwege in einer Asylunterkunft in Fürstenfeldbruck gelandet. Die Unterkunft besteht aus Containern, zu zwei Etagen übereinander- gestapelt stehen sie in einem Industriegebiet.

Mit drei Männern lebt Richard in einem vielleicht 16 Quadratmeter großen Containerzimmer, in das gerade das Nötigste hineinpasst. Ein Tisch, für jeden ein kleiner Spind, zwei Stockbetten, überall stehen Taschen mit Lebensmitteln, Töpfen und Pfannen, Kleidung. Sein Bett, es ist das untere, hat Richard rundherum mit Laken verkleidet, sich eine kleine Höhle gebaut. Eine Fläche, nicht größer als 80 mal 180 Zentimeter, das ist der einzige Ort, an dem Richard für sich sein kann. Auf diesem kleinen Fleck Privatsphäre versteckt er sich vor den Männern, die in geringem Abstand nachts neben und über ihm liegen.

„Ich fühle mich, als wäre ich immer noch in meiner Heimat. Obwohl ich in Deutschland keine Angst haben muss, wegen meiner Sexualität ins Gefängnis zu gehen oder getötet zu werden. Ich glaube, ich bin hier nicht sicher. Seit meine Zimmergenossen herausgefunden haben, dass ich schwul bin, ärgern sie mich. Sie sprechen mich nicht mit meinem Namen an. Sie sagen „Hey, Schwuler“. „Hey Schwuler, Post für dich.“ „Hey Schwuler, zeig deinen Arsch.“ „Hey Schwuler, warum putzt du nicht?“ Vor kurzem hat mir ein Arzt schwere Depressionen attestiert. Ich fühle mich so unwohl in der Unterkunft. Ich kann mich nicht vor den anderen umziehen. Nachts schreie und weine ich. Sogar Freunde dort haben manchmal Angst, mir nahe zu kommen.“

Angst um sein Leben haben muss Richard in Deutschland eigentlich nicht mehr. Er findet ein paar Freunde, eine Anlaufstelle für Homosexuelle in München, er will stark sein. Aber in der Unterkunft hält er es bald nicht mehr aus. Richard will umziehen, beantragt beim Landratsamt einen Umzug nach München. Offiziell heißt das: Antrag auf Umverteilung. Für Richard geht es bei dem Umzug um mehr, als sich nur zuhause wohlzufühlen. Er möchte der Nähe seines Arztes sein – und er möchte sich ein neues Leben aufbauen. Doch mit dem Umzug gibt es ein Problem: Nur wer Familie in einem anderen Heim hat, kann umverteilt werden. „Da Sie ledig sind und sich ohne eigene Kinder im Bundesgebiet aufhalten, ist in Ihrem Fall der Aspekt der Wahrung einer Hausgemeinschaft der Kernfamilie nicht von Belang.“ Mit diesen bürokratischen Worten wird Richards Antrag auf ein besseres Leben abgelehnt.

„Wie soll ich Frau und Kinder haben, wenn ich schwul bin? Mein Leben ist so schwierig in Fürstenfeldbruck. Jedes Mal, wenn ich zu meinem Arzt nach München fahre, muss ich ein Ticket zahlen. In München wäre ich nicht nur näher bei meinem Arzt, der meine Depression behandelt. Ich könnte auch besser Kontakte zur Schwulenszene knüpfen. Und ich würde gerne jeden Tag zur Schule gehen, richtig Deutsch lernen und eine Ausbildung machen. In Fürstenfeldbruck arbeite ich ehrenamtlich bei der Caritas. Wenigstens bekomme ich den Kopf dort frei. Als mein Antrag auf Umzug abgelehnt wurde, hat mir die Caritas geholfen. Sie haben meiner Anwältin geschrieben und sie gefragt, ob ich Klage gegen den Bescheid einreichen soll. Aber sie sagte mir, meine Chancen stehen sehr schlecht.“

In einer Mappe sammelt Richard alle Unterlagen, die ihm irgendwie bei seinem Vorhaben helfen könnten. „My life file“ hat er in Großbuchstaben auf den Ordner geschrieben. Darin: Ein Attest seines Arztes mit der Diagnose einer depressiven Störung. Das Protokoll seiner Anhörung vor dem BAMF. Der Ausschnitt eines Zeitungsartikels, mit einem Foto von Richard bei seiner Arbeit bei der Caritas. Das Schreiben an seine Anwältin. Richard ist vorbereitet, sortiert. In ein Notizbuch hat er in ordentlicher, gerader Schrift aufgeschrieben, was ihm wichtig ist. Auf der einen Seite drei Gründe, warum er Fürstenfeldbruck verlassen will. Auf der anderen Seite drei Gründe, warum er in München sein will. Auf Swahili liest Richard die beiden Seiten vor, bricht immer wieder ab, atmet tief durch. Er will bald einen neuen Antrag auf Umverteilung stellen, sammelt noch mehr Unterlagen.

„Ich bin ein menschliches Wesen wie jeder andere. Aber meine Gefühle machen mein Leben so schwer – wie ich als Schwuler von vielen behandelt werde, macht alles komplizierter.“

Richard schließt sein „life file“. Das Leben, das Richard sich wünscht, beginnt erst dann, wenn er all die Anträge, Bescheide und Formulare nicht mehr braucht. Und bis dahin gibt er nicht auf.

Text: Laura Krzikalla
Fotos: Manuela Braunmüller