Rainbow Refugees (Stories)

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Moses M
Heimat ohne Zuhause

Trotz einer Ausbildung als Altenpfleger und eigenem Einkommen lebt Moses M. noch immer in einer Unterkunft für Geflüchtete. Er wohnt 30 Kilometer von seiner Arbeitsstelle entfernt und teilt sich sein Schlafzimmer mit zwei anderen Männern – dabei wissen nicht alle von seiner Homosexualität. Eine eigene Wohnung würde ihm das Ankommen erleichtern, jedoch erschwert unter anderem der Tourismus in dem Ferienort Dießen am Ammersee ihm die Suche.

Peißenberg: Eine beschauliche Ortschaft mit 23 Gastronomien, drei Arztpraxen und einem kleinen Bahnhof. Die Gegend um den Bahnhof ist verlassen. Inmitten der leeren Ortschaft steht Moses M. Mit seiner knallroten Winterjacke fällt er sofort auf. Das Einzige, was in Bahnhofsnähe an einem Samstagnachmittag offen hat, ist das Restaurant einer Pension. Schüchtern betritt Moses das urige Gasthaus Sonne und zieht als einziger Gast die Aufmerksamkeit auf sich. Die rustikale Holzverkleidung an den Wänden und die Bedienung im Dirndl passen perfekt in das Bild einer kleinen bayrischen Provinz. Kommt man aus einer belebten Großstadt, ist es etwas beklemmend der einzige Gast in einem Restaurant zu sein. So geht es auch Moses. Der 40-Jährige kommt aus Kampala, einer 1,5 Millionen-Einwohner-Stadt Ugandas. Die pulsierende Hauptstadt ist das krasse Gegenteil des 13.000-Einwohner-Orts. Moses hat seine Heimat, seine Familie und seine Freunde verlassen, um frei leben und lieben zu können. Vor seinem Teller bayrisch g‘rösteter Leber scheint es, als sei er angekommen, jedoch ist er zugleich noch immer auf der Suche. Denn um richtig anzukommen, braucht er ein eigenes Zuhause.

Nach über drei Jahren wohnt er noch immer in einer Flüchtlingsunterkunft. Er ist einer von etwa 100 Geflüchteten, die hier in Peißenberg in verschiedenen Wohngemeinschaften leben, in ihnen wohnen jeweils „sechs, acht, oder zehn Personen zusammen“, so Moses. Dass er überhaupt noch in Bayern sein darf, ist keine Selbstverständlichkeit: Nachdem sein erster Asylantrag abgelehnt wurde, hatte Moses das Glück, dass mit Hilfe eines ehrenamtlichen Mitarbeiters der Organisation Rainbow Refugees Munich eine Aufenthaltsgenehmigung und damit eine Arbeitserlaubnis in einer zweiten Instanz erwirkt wurde.

Der ehemalige Lehrer für Mathematik und Englisch arbeitet auch hier in Deutschland mit Menschen. Unmittelbar nach seiner Ankunft machte Moses ein Praktikum in einem Seniorenheim in Dießen am Ammersee. Danach waren die Betreiber so zufrieden mit ihm, dass sie ihm eine Ausbildung als Altenpfleger ermöglichten. „Die Arbeit macht sehr Spaß und ich bekomme sogar Weihnachtsgeld“, erzählt er begeistert. In seiner freien Zeit engagiert er sich zusätzlich ehrenamtlich als Betreuer für das Eishockeyteam in Peißenberg. An seiner Wohnsituation hat all das jedoch nichts verändert: Trotz eigenem Einkommen teilt er sich mit zwei weiteren Männern ein kleines Schlafzimmer. Und dafür gibt es einen Grund.

Der idyllische Ferienort Dießen hat über 100 freie Zimmer, die von Privatpersonen an Urlauber vermietet werden. Doch Moses ist kein Urlauber, sondern Arbeitnehmer. Seit einem halben Jahr ist er nun auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in der Nähe seiner Arbeitsstelle. Das Problem: „Es ist teuer und es gibt keine Wohnungen“, sagt Moses. In München hat man mitunter die Möglichkeit in eine WG zu ziehen. „Aber in Dießen gibt es keine WGs, die Leute sind dort sehr distanziert“, fügt Moses hinzu.

Es scheint paradox: Weil Moses so schnell wie möglich arbeiten wollte, ist er nun an einen Urlaubsort gebunden, in dem Touristen unterkommen, aber händeringend gesuchte Pfleger wie er nicht.

Deswegen muss er jeden Tag 30 Kilometer zu seiner Arbeit pendeln und lebt weiterhin in einer Unterkunft für Geflüchtete. Dabei wissen nicht alle seine Mitbewohner, weshalb er aus Uganda fliehen musste. Der Grund dafür waren homophobe Attacken, die Moses in seiner Heimat erlebte. Dort lauerte ihm eines Tages eine Gruppe aggressiver Männer auf. Sie brachen in sein Haus ein, attackierten ihn und seinen Freund und fügten ihnen dabei ernsthafte Verletzungen zu. Sie sagten ihnen: „Wir jagen euch. Was ihr tut, ist verboten.“ Diese Selbstjustiz trieb ihn schließlich in die Flucht.

Angekommen in Deutschland kann er noch immer nicht vollkommen unbeschwert und frei leben. Thomas Michel, Mitgründer der Rainbow Refugees Munich, setzt sich ehrenamtlich für LGBT*-Geflüchtete ein und weiß, mit welchen Problemen die Geflüchteten in ihren Unterkünften konfrontiert werden: Wenn bekannt wird, dass ein Geflüchteter schwul ist, wird er mindestens sozial ausgeschlossen, jedoch oft auch körperlich bedroht. „Dass die Geflüchteten in ihren Unterkünften ihre sexuelle Orientierung geheim halten, das ist die Regel – nicht die Ausnahme“, erklärt er. Menschen kommen also nach Deutschland, um in Freiheit zu leben und müssen sich in ihren eigenen vier Wänden verstecken. Eine mögliche Lösung hat Michel in einigen anderen Bundesländern kennengelernt: eigene und geschützte Unterkünfte für LGBT*‑Geflüchtete. Doch in Bayern sind diese geschützten Unterkünfte keine Selbstverständlichkeit. Welche Gefahr für homosexuelle Geflüchtete von so einer Sammelunterkunft ausgeht, ist nicht jedem bewusst. Da Homophobie in einzelnen Kulturen tief verankert ist, wird die Unterkunft für LGBT*-Geflüchtete zum Schauplatz von Feindseligkeiten. „Wenn in der Unterkunft Leute sind, die es nicht hören möchten, dass du schwul bist, fangen manche an dich zu beleidigen. Manche teilen nicht mal ihr Essen oder andere Sachen mit einem“, berichtet Moses. Teilweise gehen die Angriffe auch über Beleidigungen hinaus, doch bis dahin wird mit dem Leben der Menschen gepokert, erklärt Michel: „Wenn Geflüchtete in ihren Unterkünften Homophobie ausgesetzt sind und ihnen was passiert, dann würden sie natürlich schon in andere Unterkünfte kommen. Solange ihnen nichts passiert, müssen sie dort bleiben.“

„Wenn in der Unterkunft Leute sind, die es nicht hören möchten, dass du schwul bist, fangen manche an dich zu beleidigen. Manche teilen nicht mal ihr Essen oder andere Sachen mit einem.“

Ein eigenes Zuhause wäre für Moses die Lösung und würde ihm endlich das Gefühl einer neuen Heimat geben. Momentan steht Moses ein ehrenamtlicher Mentor zur Seite, der ihn bei der Wohnungssuche unterstützt. Die Eigeninitiative der ehrenamtlichen Mentoren ist so weitreichend, dass sie sogar Wohnungen anmieten und diese, mit Einverständnis der Vermieter wiederum an die Geflüchteten untervermieten, „weil wir als Deutsche überhaupt eine Chance haben, eine Wohnung zu bekommen“, sagt Michel.

Für Moses steht fest, er möchte in Deutschland richtig ankommen und mit seinem eigenen verdienten Geld seine Miete selbst bezahlen. Er ist zuversichtlich und plant bereits seine zukünftige Wohnsituation mit seinem Partner zusammen: „Wenn wir Geld haben, dann können wir ein Haus zusammen mieten“, sagt Moses „Beziehungsweise eine Wohnung, in Uganda ist es anders – da ist ein Haus billiger als eine Wohnung.“ fügt er lachend hinzu.

Text: Leonie Hudelmaier
Fotos: Janina Laszlo