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Ham B
Er oder ich

Ham und Site liebten sich. Heimlich, anders wäre es nicht möglich gewesen in Uganda. Als dann auch das nicht mehr möglich war, mussten die beiden fliehen und eine Entscheidung treffen, mit der Ham bis heute kämpft.

Im Theater traf Ham B. Site zum ersten Mal. Sein Exfreund brachte Site mit, er dachte sich schon, dass sie sich gut verstehen würden. Etwa sieben Jahre ist das her. Seit September 2015 ist Ham nun in Deutschland und Site unauffindbar. Der 29-Jährige aus Uganda wirkt klein, wie er so auf einem Stuhl in einem Münchner Café sitzt. Er spricht leise, als er von seiner Flucht, Gewalt und der Liebe zu Site spricht.

Wie viele Leute in seiner Heimat Uganda von seiner Homosexualität wussten, kann Ham an einer Hand abzählen. Seine Familie gehörte nicht dazu. Sich outen – das ist undenkbar in Uganda, sagt er. Viele aus der LGBT*-Community werden verfolgt, eingesperrt oder sogar getötet. Deswegen musste Ham vorsichtig sein, sich verstecken und vertraute sich nur wenigen an. „In Uganda denken die Menschen häufig, dass es nur eine richtige Art gibt, sein Leben zu führen“, sagt Ham. Seine Homosexualität gilt dort als die falsche Weise.

Während seiner Schulzeit, mit etwa 18, kristallisierte sich für Ham heraus, dass er auf Männer steht. Diese Zeit erlebte er als eine sehr verwirrende Phase. Er konnte mit niemandem darüber reden, hatte Angst, dass man ihn verraten würde und war unsicher, was seine Gefühle bedeuteten.

In Site fand Ham eine Vertrauensperson. Als sie sich damals im Theater sahen, verband die beiden sofort etwas, erzählt Ham. In seiner Stimme liegt eine tiefe Traurigkeit, in die sich aber ein Funke Hoffnung vermischt, als er davon erzählt. Sie fühlten sich zueinander hingezogen und begannen eine heimliche Beziehung.

Diese hielten sie vor beiden Familien und den meisten Freunden versteckt. Ham beschreibt seine Familie in Kampala, Uganda, als sehr traditionell. Er wuchs nach islamischem Glauben auf, ist ein Einzelkind.

„Ich fühle, dass etwas fehlt, er verstand mich und kannte jeden Teil meines Lebens.“

Sein Vater starb früh, er war vier oder fünf Jahre alt, erzählt er. Seine Mutter heiratete erneut, als er sechs Jahre alt war und damit trat sein Stiefvater in sein Leben.

„Irgendwie mochte er mich nicht“, sagt Ham, blickt traurig auf den Tisch vor sich und wirkt noch kleiner. Er machte ihm das Leben schwer, schlug ihn und zwang ihn in seinem Laden zu arbeiten. Die Schule war häufig seine Rettung, für kurze Zeit konnte Ham weg aus dem Elternhaus, war unter Freunden und in Sicherheit. Doch mit der Zeit musste er immer mehr im Laden seines Stiefvaters arbeiten, er sollte als Mann die Familie unterstützen, das habe ein Stiefvater gefordert, erzählt Ham. Und damit schwand die Schule als Rückzugsort. Hams Situation wurde immer schlimmer, die körperlichen Angriffe, der Druck und die innere Unsicherheit nahmen zu.

Ob seine Mutter ihn beschützte? Der 29-Jährige schüttelt langsam den Kopf. Nein, eine Hilfe war seine Mutter nicht. Sie habe nur zugeschaut, war zu schwach, ihr neuer Mann galt als das Oberhaupt der Familie und traf damit die Entscheidungen. Eine scheinbar ausweglose Situation, Ham dachte ans Wegrennen. Doch wohin? Mit etwa 16, erzählt er, habe er versucht eine Organisation zu kontaktieren und von der häuslichen Gewalt durch seinen Stiefvater zu berichten. Aber letzten Endes war die Organisation zu weit weg und Ham hatte Angst, dass alles herauskommen würde.

Also versteckte er seine sexuellen Neigungen weiter und half im Laden seines Stiefvaters, statt in die Schule zu gehen. Mit Site traf er sich weiterhin heimlich, redet mit ihm über seine Unsicherheit und fühlte sich geborgen.

Es war an einem Nachmittag im März 2013, als die heimliche Liebe aufflog. Ham sollte auf den Laden aufpassen, sein Stiefvater und seine Mutter waren aus der Stadt gefahren und sollten erst wieder einige Stunden später zurückkommen – eine der selten Gelegenheiten für Ham und Site sich zuhause zu treffen. Ham wirkt auch heute noch verzweifelt, als er von diesem Nachmittag spricht. Sein Stiefvater und seine Mutter kamen zu schnell zurück, warum weiß er nicht, keine Stunde waren sie weg, erzählt er mit leiser Stimme und leicht abgehackt. Site und er waren im Schlafzimmer, nackt und hatten Sex, als sein Stiefvater hineinkam.

Wie wild habe sein Stiefvater auf die beiden eingeschlagen, erzählt Ham. Seine Mutter habe nur am Türrahmen gelehnt und zugeschaut. Ham habe stark geblutet, Site konnte irgendwie entwischen. Die nächsten Tage und Wochen schlug der Stiefvater Ham andauernd weiter. Er wollte unbedingt wissen, wer der andere Mann war und wo er lebte. Er fesselte Ham, sperrte ihn in einen kleinen Käfig, den man sich als Zwinger vorstellen kann und schlug ihn mehrfach blutig, das erzählt Ham. Verraten hat er seinen Freund nicht. Musste er auch nicht, denn in der Eile vergaß Site sein Portmonnaie, samt Ausweis.

„Mein echter Vater hätte mich vielleicht retten können“, sagt Ham. Weil ihm aber niemand helfen konnte und sie nun nicht mehr sicher waren, nachdem Hams Stiefvater Sites Adresse kannte, entschieden sich Ham und Site zu fliehen.

Im September 2013 flohen die beiden in die Türkei. „In der Türkei hat sich niemand um uns gekümmert“, sagt Ham. Es war nun bekannt, dass er und Site homosexuell und ein Paar waren. Mehrmals wurden sie auf offener Straße angefeindet und zusammengeschlagen. Das war nicht das Leben, dass sich die beiden erhofft hatten. Etwa eineinhalb Jahre lebten sie dort zusammen. Durch die ständigen Angriffe verschlechterte sich Hams gesundheitlicher Zustand, er hatte sich kaum von den Misshandlungen in Uganda erholt. Also fiel die Entscheidung, nach Deutschland zu fliehen. Weil das Geld nur für einen von ihnen beiden reichte, ging Ham, der zu dem Zeitpunkt sehr krank war, wie er erzählt. Site sollte nachkommen.

Sein Weg führte ihn über das Mittelmeer, in einem überfüllten Boot, viele tausende Kilometer ging er zu Fuß, bis er im September 2015 in Deutschland ankam. Hier habe er keine Angst mehr, erzählt Ham. Die Menschen seien freundlich und man helfe ihm. Das erzählte er auch Site, mit dem er regelmäßig in Kontakt stand. Redete über dessen Flucht nach Deutschland und planten eine gemeinsame Zukunft. Ham blickt prüfend auf sein Handy, wie so oft.

Seit etwa sechs Monaten reagiert Site nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten, sein Handy scheint ausgeschaltet zu sein oder seine Nummer abgemeldet. Ham hat viele Leute in der Türkei kontaktiert und nach ihm gefragt, doch niemand weiß, wo er ist. Es quält ihn, immer noch versucht er herauszufinden wo Site ist und wie es ihm geht. Ham wehrt sich gegen Schuldgefühle, will sich nicht die Schuld geben und tut es doch. Eigentlich sollte Site nun auch hier sein, daran setzten die beiden alles.

„Etwas fehlt. Er verstand mich und kannte jeden Teil meines Lebens“, sagt Ham über Site und schweigt minutenlang. Dennoch sieht er es als gute Entscheidung an, nach Deutschland gekommen zu sein. Er fühlt sich wohl, lebt in einer Flüchtlingsunterkunft bei Fürstenfeldbruck, lernt Deutsch und arbeitet ehrenamtlich mit neuankommenden Flüchtlingen. Im Juni wird seine Aufenthaltsgenehmigung wieder verlängert, das würde jedes Mal problemlos verlaufen, sagt Ham. Doch er vermisst Site, das ugandische Essen und das Glitzern des Victoriasees, aber sein Leben geht weiter. Das hat er mittlerweile erkannt. In Deutschland hat Ham nun einen neuen Freund, es fühlt sich gut an, erzählt er. Ham ist endlich frei und muss seine Liebe nicht mehr verstecken.

Text: Astrid Probst
Fotos: Manuel Nieberle