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David B
Eingeholt

Als Jugendlicher lernt David B. seine erste Liebe kennen. Und kurze Zeit später die Gewalt des Landes, in dem er aufwächst. Weil er Sex mit einem Mann hat, verprügeln und inhaftieren ihn Polizisten in Tansania. Für David startet die Suche nach Akzeptanz und der eigenen Identität.

Fragt man David B., wo er herkommt, antwortet er: Neuburg an der Donau, mit dem Regio 90 Minuten hinter München. Doch wo er hingehört, weiß er nicht. Keiner der Orte, an denen er lebte, wurde zu einer Heimat, sagt er. „In der Regel gibt es Heimat nur dann, wenn man glaubt, sie verloren zu haben“, schreibt der Autor Daniel Schreiber in seinem Essay „Zuhause“. David verlor seine Heimat drei Mal.

Bevor er seine Geschichte erzählt, trinkt David das Glas heiße Milch in drei Zügen aus, stellt es vor sich ab und beugt sich über die Unterarme nach vorne. „Listen“, sagt er. Hör zu.

David B. ist 31 Jahre alt. Als er zur Welt kommt, herrscht Diktatur im Kongo. Auf dem Weg in die Demokratie geht das Land in den Neunzigerjahren durch zwei Bürgerkriege. Davids Familie versucht in dieser Zeit zu fliehen. Seine Eltern sterben bei einem Stammeskonflikt in ihrer Heimatstadt Bukavu, im Osten des Landes. Davids Tante nimmt den damals Dreijährigen mit nach Tansania. Er kommt ohne Geburtsurkunde in das Land, besucht dort nie eine Schule und schlägt sich mit einfachen Jobs durch. In Tansania spürt David zum ersten Mal, dass er Männer liebt. Und, dass die Menschen um ihn herum das verachten. Einmal landet er im Gefängnis, nachdem die Polizei ihn beim Sex in einer Hausruine erwischt.

„Wenn wir Sex haben wollten, mussten wir das draußen tun, im Gebüsch, in Ruinen – da, wo uns niemand sehen konnte“, sagt David. „Niemand akzeptiert die Liebe zwischen Männern. Nicht mal Händchenhalten. Jemand hatte Verdacht geschöpft und mich und meinen damaligen Freund verpfiffen. Polizisten kamen und prügelten auf uns ein.“ Einer habe David auf den Kopf geschlagen, erzählt er, und zeigt auf eine Narbe an seiner Stirn. Ein anderer habe ihm in die Hand geschnitten, auch dort ist eine Narbe geblieben. „Wir sind um unser Leben gerannt. Ich wurde festgenommen und habe meinen Freund nie wieder gesehen.“ Damals ist David 24 Jahre alt und hat einen Punkt erreicht, an dem er nicht mehr kann.

David sitzt in einem Café in der Münchner Innenstadt, im Glockenbachviertel, dem Zentrum der lokalen LGBT*-Szene. Dort hat er seinen „Safe Space“ gefunden, sagt er. Einen Ort, an dem er der sein kann, der er ist. So einen Ort zu finden, war für ihn nicht leicht. Und seine Suche ist noch nicht vorbei. Denn David fällt in Europa durch das Raster der Behörden: Er wird im Kongo geboren, einem Land, in dem Homosexualität nicht unter Strafe steht. Er wächst jedoch in Tansania auf, einem Land, in dem er dafür im Gefängnis landet.

Im November 2011 kommt David nach Europa. Bleibt fünfeinhalb Jahre in Belgien, in der Nähe von Löwen. Sein Antrag auf Asyl wird dort abgelehnt, sein Leben sei im Kongo nicht gefährdet. „Aber darum geht es nicht“, sagt David. Auch im Kongo dürfe er nicht der sein, der er ist. Die Kultur, die Menschen akzeptierten keine Homosexuellen. „Ja, ich kann zurückgehen, um zu sehen, ob das Feuer mich verbrennt. Aber wenn es das tut, ist es zu spät. Dann stehe ich bereits in Flammen.“

Während des Gesprächs schaut David immer wieder auf sein Handy – als warte er darauf, dass es klingelt. David trägt ein eng anliegendes, gelbes Polo-Shirt, dazu dunkelblaue Jeans. „Ich achte sehr auf mein Äußeres“, sagt er, „darauf, wie ich auf andere Menschen wirke. So kann niemand sehen, wie ich von innen leide“. Europa habe ihn verändert, „ich bin aufgeschlossener geworden, durch all die Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt“.

2016 zieht David weiter nach Deutschland. Seine zweite Chance in Europa, so formuliert er es. David erzählt diese Geschichte nicht zum ersten Mal. Man hört es an dem beiläufigen Ton, mit dem er die einzelnen Stationen im Kopf abhakt. Man sieht es an seinem festen Blick. Bis er mit seiner Erzählung im Jetzt ankommt.

Wieder holt er sein Smartphone aus der Hosentasche. Dieses Mal wischt er durch seine Fotos auf Instagram: David an der Isar. David beim Wandern am Tegernsee. David neben Bierbänken auf dem Oktoberfest. Videos von Momenten, an die er sich gerne erinnert: Da sind lachende Gesichter, eng tanzende Menschen beim Christopher Street Day im Glockenbachviertel. Er auf dem Münchner Marienplatz nach einem Pride Run. David trägt ein rotes Shirt mit der Aufschrift „Rainbow Refugees“, er hält einen sportlichen Mann im Arm: Renon aus Uganda.

David liebt Renon für seine positive Art, sein ständiges Lachen. Renon liebt David für dessen Zurückhaltung. „Durch die Beziehung habe ich das Gefühl zu verstehen, worum es im Leben geht. Sie lässt mich Probleme vergessen“, sagt David. Die beiden lernen sich 2016 kennen, direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Waldkraiburg, in der Nähe von Landshut. Sie teilen sich damals ein Zimmer, und viele Hobbies: Basketballspielen, Inlineskaten, Schwimmen. Auch Renon habe homophobe Gewalt erlebt und in Deutschland Frieden gefunden.

„Eine Beziehung wie die zwischen David und Renon ist die Entdeckung einer neuen Identität“, sagt der Psychotraumatologe Jakob Prousalis aus Berlin. Er hat sich in seiner Arbeit unter anderem auf die Behandlung Geflüchteter mit LGBT*-Hintergrund spezialisiert. Wer fliehen musste und dann auch in Europa Ablehnung erfährt, kann traumatisiert sein, sagt Prousalis: „Viele mussten Gewalt, Ausgrenzung, Inhaftierung in den Herkunftsländern erfahren. Und dann auf der Flucht. Was entsteht, ist eine Projizierung der Gewalt auf die eigene Identität. Einige werden depressiv, andere leiden an körperlichen Schmerzen oder rutschen in die Sucht“. Um ein neues Leben, ein Ankommen zu ermöglichen, reichen ein bisschen Geld und ein Dach über dem Kopf nicht aus. Das Trauma jedes Einzelnen müsse als solches anerkannt werden. Zu dieser Anerkennung gehöre es auch, in speziellen Unterkünften mit anderen LGBT*-Geflüchteten untergebracht werden zu können. „Sonst geht die Traumatisierung weiter“, sagt Prousalis. Auch in Deutschland holt David die Realität immer wieder ein. Durch Schlüsselreize, sogenannte Trigger, die Erlebtes wieder an die Oberfläche spülen: Seine kongolesischen Zimmergenossen in der Unterkunft in Neuburg akzeptierten Davids Sexualität nicht. Sie zerreißen seine Schuhe, zerstechen seinen Basketball, zertreten seine Fernbedienung. Das dokumentiert er auf Fotos. „Sie müssen Bilder mit Renon auf dem Handy gesehen haben“, sagt er. Mittlerweile durfte er deswegen in ein Einzelzimmer umziehen. Doch in Neuburg ist er weit weg von einer LGBT*-Szene, wie es sie in München gibt.

Nach einem traumatischen Erlebnis ist man ein anderer Mensch, erklärt Psychotraumatologe Prousalis. Geflüchtete wie David suchen durch das Verlassen ihrer Heimat nicht nur nach Schutz, sondern auch nach einer neuen Identität. „Sie wollen ganz normale Menschen sein“, sagt Prousalis, „gesund aufstehen, arbeiten, lernen, etwas von sich geben und Anerkennung von anderen bekommen. Identität ist auch Zugehörigkeit. Es bedeutet zu sagen: Ich bin angekommen.“

Doch angekommen ist David auch in Deutschland noch nicht. Manchmal fällt es ihm schwer, nachts einzuschlafen, sagt er. Er zeigt eine Überweisung seines Arztes. Diagnose: Schlafstörung, Depression.

In der Beziehung zu Renon findet David eine Art Zuhause. Doch anders als Renon, darf David nicht in Deutschland bleiben. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Er ist bis Oktober geduldet, darf nicht arbeiten und fürchtet sich vor einer Abschiebung. „Ich kann überall leben, fühle mich überall zuhause – egal ob in Afrika, Europa oder anderswo. Aber was bedeutet Zuhause, ohne Zukunft auf ein glückliches Leben? Ohne zu wissen, was Sicherheit ist? Und ob man mich jemals akzeptiert, so wie ich bin.“

Text: Maria Christoph
Fotos: Ewelina Bialoszewska