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Ragni & Anmol
Beim Tanzen lache ich

Anmol hat sich auf dem Boden positioniert und legt noch ihr gelbes, schimmerndes Kleid zurecht. Danach richtet die junge Frau ihren Blick ins Publikum, ihre auffällig roten Lippen formen ein Lächeln. Die Haarspange mit Perlenbesatz lässt nur eine schwarze Strähne verspielt über ihr Gesicht fallen. Als die Flöten des getragenen Bollywood Songs „O Re Piya“ anklingen, beginnt Anmol eine geschmeidige Bewegungskaskade. Von den Fingerspitzen bis zu den Fußzehen zeichnet sie Wellenbewegungen. Anmols ganzer Körper ist im Fluss. Wieder in der Hocke, zirkuliert sie schließlich um sich selbst, zieht einen weiten Kreis über den Boden des Saals. Durch ihr langes Kleid bleibt die Technik dabei verschleiert, die knapp 50 Zuschauer jubeln fasziniert.

Freitagnachmittag in einer 1-Zimmer-Wohnung im Münchner Nord-Westen. Der ausgeblichene Vorhang ist zugezogen, die Fenster dahinter zugeklebt. Es fällt nur wenig Nachmittagssonne in den gedrungenen Raum. Ragni macht ihre schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie kniet auf dem Teppich, inmitten von Kosmetikpinseln, Gesichtscremetuben, runtergespitzten Kajalstiften und Puderquasten. „Zuerst kommt die Foundation, das ist wichtig“, erklärt die 28-jährige, während sie ihre weichen Gesichtszüge mit zwei verschiedenen Concealern gründlich einreibt. Kleine Narben, die Augenringe und Bartstoppeln verschwinden mit jeder Schicht etwas mehr. Die Tür zum winzigen Bad geht auf, in geripptem Unterhemd und locker sitzender Tarnfarbenhose huscht Anmol heraus, rüber zur Küchenzeile, um Tee aufzusetzen. Über ihr nasses Haar ist ein Handtuchturban gewickelt. Hier in Anmols kleiner Wohnung kommen die zwei Freundinnen oft vor Partys zusammen und stylen sich. Heute steht eine besondere Feier an: Sie werden vor Publikum performen. Ihre Leidenschaft darbieten. Tanzen.

Ragni und Anmol sind Transgender. Gemeinsam sind sie aus Pakistan geflüchtet, um einen Ort zu finden, wo sie sie selbst sein dürfen. Anmol weiß noch nicht, ob sie bleiben darf, sie wartet auf die Rückmeldung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ragni ist zwar akzeptiert worden, erleichtert ist aber auch sie nicht – ihr Partner Faisal hat auch nach dreimaliger Berufung einen Ablehnungsbescheid erhalten. In einem Traunreuter Flüchtlingsheim teilen sich die zwei ein kleines Zimmer und überlegen nun, wie es für sie weitergeht. Eins steht fest: Zurück können sie nicht.

In ihrem „Past Life“, wie Ragni es nennt, hieß sie Asim und wuchs als zweiter Sohn einer bürgerlichen Familie aus Gujrat, in der Nähe von Islamabad in Pakistan auf. Ragni nimmt den Kajalstift zur Hand und zieht einen dünnen Bogen über die abgedeckten Augenbrauen. Den Strich setzt sie hoch an, sodass er kurz vor den Schläfen nach unten abknickt. Trotz dicker Make-up-Schicht sind ihre tiefen Sorgenfalten zwischen den Brauen klar erkennbar. Anstatt wie ihre Brüder draußen auf der Straße zu toben, sperrte sich Ragni nach der Schule oft in ihr Zimmer ein und hängte alle Fenster mit Bettlaken zu, um sich zu schminken und unbemerkt tanzen zu können. „Wenn ich meinen Vater oder meine Brüder draußen gehört habe, musste ich immer schnell alles aus meinem Gesicht wischen. Aber oft haben sie es gewusst, dann waren sie böse.“ Sie hat den Kajal abgesetzt. Ragni muss sich konzentrieren, um die deutschen Worte für die Erfahrungen aus der Kindheit zu finden. Sie spricht zögerlich, leise und die Traurigkeit klar aus ihren Augen.

Wegen ihrer sexuellen Identität wurde sie von der eigenen Familie beleidigt, geschlagen und ausgeschlossen. Nur ihre Mutter stellte sich vor sie. „Das ist nur ein Kind“, sagte sie. Wenn Ragni heute daran denkt, bekommt sie Gänsehaut. Sie kramt jetzt nach Paketband. Das klebt sie sich auf ihre obere Wange, damit sie sich bei den Augen nicht vermalt. „Es ist wie ein ganz anderes Leben. Ich habe viel vergessen.“ Ragni tut ihre Erinnerungen ab, aber die Haare an ihrem Unterarm sind noch immer aufgerichtet, als sie mit einem Flüssigeyeliner langsam einen schwarzen Strich unter das Lid zieht.

Der Tee ist fertig, schwarz, mit Milch und viel Zucker. Anmol stellt eine Tasse auf den Nachttisch neben Ragni und schiebt dafür einen vollen Aschenbecher zur Seite. Ihr verbogener, rechter Unterarm kommt zum Vorschein. Auch sie hat in Pakistan unter Gewalt gelitten. „Das war mein ältester Bruder“, sagt die 24-Jährige und streckt ihren Arm dabei hervor, um die Ausmaße des Bruchs zu zeigen. Als sie ein Teenager war, kümmerte sie sich nicht nur um den Haushalt, sondern auch um ihren jüngeren Bruder. Dabei trug sie stets ein Kopftuch – „wie eine Mutter“, so Anmol. Sie spricht etwas schlechter Deutsch als Ragni, oft schaut sie prüfend zur älteren Freundin, ob die Worte, die sie wählt, richtig sind. Trotz ihrer großen Hilfe wurde sie von ihren älteren Geschwistern und ihrem Vater geächtet, für die Andersartigkeit bestraft. „Sie wollten, dass ich Ali bin. Sie sagten, sie bringen mich um.“

Anders als Ragni hat Anmol ein gestelltes Lächeln auf den Lippen, wenn sie ihren männlichen Namen erwähnt, Ali. Als würde sie damit Distanz schaffen können. Mit 17 ist Anmol von zu Hause abgehauen, ihre Familie hat sie seither nie wiedergesehen.

Ragni ruft Anmol zu sich, um die Lidstriche zu checken. „Sieht das gut aus?“, fragt sie auf Urdu – „Gut ja“ die Antwort. Für die kleinen Korrekturen reicht ihr Anmol aus einem schweren Glasschrank zwei Wattepads. Die Kommode scheint Anmols gesamten Besitz zu beinhalten: Männerdeo, ein Glätteeisen, Schulsachen, Haarteile. Außerdem stehen da viele Bilder, die sie zusammen mit Freundinnen zeigen, gestylt und in farbenfrohen Gewändern. „Hier bin ich“, sagt Anmol mit verhaltenem Stolz und deutet auf das Portrait einer jungen Frau im knallgelben Kleid. Auf manchen Fotos haben die abgebildeten Transfrauen besondere Posen eingenommen, wie auf dem Filmplakat eines erfolgreichen Bollywood-Streifens.
In Pakistan wuchsen Ragni und Anmol mit Bollywood auf. Die Filme drehen sich oft um Querelen in der Liebe oder Familie. Begleitet werden diese von vielen Tanzszenen, wie in einem Musical. Bollywood Schauspieler sind gefeierte Idole der Unterhaltung. Eine davon ist Madhuri Dixit. Eben noch hatte Ragni versucht, ihrem Gesicht mit dem Contouring Puder feminine Züge zu verleihen – durch Madhuris Erwähnung erstrahlt sie plötzlich wie von selbst mädchenhaft. „Madhuri ist eine Traumfrau!“, sagt sie verzückt und sucht auf ihrem Handy nach ihrem Lieblingsvideo, „Dola Re Dola“ aus einem von Madhuris Filmen. Früher hat sie diese oft allein angeschaut und versucht die Choreographien Schritt für Schritt nachzutanzen. Beim Erklingen des Liedes schlängeln sich auch Anmols Hände durch die Luft. Mittelfinger und Daumen berühren sich, sie hält sie vors Gesicht und macht einen verführerischen Blick. Während ihrer Schulzeit hat sie fast täglich zwei Stunden bei einer ebenfalls transsexuellen Freundin Nachhilfe im Classic Dance genommen. Zur Musik wagt Anmol Bewegungen, die man ihrer schüchternen Körperhaltung bisher nicht zugetraut hatte. „Tanzen ist gut. Beim Tanzen lache ich“, sagt sie mit verlegenem Lächeln.

Es war das Tanzen, mit dem die beiden nach der Flucht aus dem Familienhaus ein wenig Geld verdienten. Zu realistisch waren die Drohungen geworden. Anmol zum Beispiel wusste, dass sie gehen muss, als ihre Tanzlehrerin von einer homophoben Menge erschlagen worden war.

Trotz der allgemein vorherrschenden Diskriminierung von transsexuellen Menschen in Pakistan werden sie oft für Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern gebucht. Die Geldscheine, die den Tänzern während der Vorstellung zugeworfen werden, dürfen im Anschluss eingesammelt werden. „Man sagt es bringt Glück, wenn eine Trans auf dem eigenen Fest tanzt“, erklärt Anmol, während sie glitzernde Broschen, Armreifen und lange Ohrringe mit Plastikdiamanten aus der Kommode holt und auf dem löchrigen Bettlaken verteilt. Ihren echten Goldschmuck hatte sie damals verkauft. Als Transgender Arbeit in der islamischen Republik zu finden ist fast unmöglich, nicht mal einen offiziellen Ausweis dürfen sie bei sich tragen. Der vor einigen Jahren verabschiedete Beschluss, nachdem ein neutrales Geschlecht im Pass offiziell vermerkt werden darf, wird von Behörden ignoriert. Das drängt über 500.000 Betroffenen, die sich für das Leben als Trans entschieden haben, an den Rand der Gesellschaft. Demütigung und Missbrauch erfährt keine Ahndung, sondern wird vielmehr als Selbstjustiz toleriert. Die schwere Situation zwingt Transgender zum Betteln oder in die Prostitution. Wenn das Geld knapp wurde, mussten auch Ragni und Anmol, damals nicht älter als 17, ihren Körper an Freier verkaufen. „Ich habe das nur manchmal gemacht“, fügt Anmol hastig an, ein Fußband mit Glöckchen, das sie gerade noch in der Hand hielt, fällt zu Boden. Auch Ragni wird nervös, schlägt vor, ein anderes Mal über das Thema zu reden.

So wie viele junge, gestrandete Transsexuelle, begab sich auch Ragni damals in die Obhut eines sogenannten Gurus. Es handelt sich um meist ältere Transfrauen, Anführerinnen mehrköpfiger Transgendergruppen. In vielen Fällen sind sie es, die ihre Zöglinge als Gegenleistung für Schutz und Unterkunft zur Sexarbeit zwingen. Ragni aber verteidigt ihren Guru: „Zaim war eine gute Lehrerin. Sie wusste immer, was ich will und was ich nicht will“. Sie startet nun mit dem Lidschatten. Eingetaucht in einen Goldschimmer aus einer der vielen Paletten, verleiht der Pinsel ihren Augen einen leuchtenden Touch. Darüber trägt sie einen rötlichen Ton auf, der sich in der Augenfalte intensiviert. Sie vermischt die Farben.

Tatsächlich war sie es, die Zaim ansprach. „Zaim tanzt sehr, sehr gut. Ich habe sie auf einer Party gesehen und gefragt, ob sie mein Guru sein will“, erzählt Ragni. Zwischenzeitlich konnte sie bei Zaim ganz in der Nähe von Islamabad wohnen. In ihr fand die damals Anfang Zwanzigjährige eine Inspirationsquelle, jemandem bei dem sie sich akzeptiert fühlte. Der Beistand war jedoch nicht kostenlos: 50 Rupie kostete es Ragni, um in Zaims Gefolgschaft aufgenommen zu werden.

Ragni muss nun langsam ihr Outfit für heute Abend auswählen. Dafür setzt sie sich neben Anmol aufs Bett. Sie probiert verschiedene Ringe und Armbänder aus. Die Vertrautheit der beiden wird deutlich: Sie schrecken nicht vor gegenseitigen Berührungen am Arm oder der Schulter zurück, teilen sich den Schmuck, die Kleider. „Ragni ist meine Schwester. Wir sind Freundinnen und Familie“, Anmol deutet abwechselnd auf sich und auf Ragni. Kennengelernt haben sich die beiden in Athen. Ragni hatte Pakistan 2008 verlassen, Anmol vier Jahre später. Wie viele andere Pakistani suchten auch sie das nahegelegene Griechenland auf, um in Europa frei leben zu können und Arbeit zu finden. Ragni hatte schnell einen Job in einem Restaurant. Auf einer Party lernte sie ihren jetzigen Freund Faisal kennen. Auch Anmol hatte Ragni das erste Mal auf einer größeren Veranstaltung gesehen – mit ihrem Tanz war sie Anmol sofort aufgefallen. Über Bekannte fand sie Ragnis Nummer heraus und rief sie an. „Ich sagte ihr: Ich bin auch eine Trans aus Pakistan.“

Geübt schlüpft Ragni nun in die enge, orangene Bluse und achtet darauf, dass sich die Glitzersteine auf der Brust nicht in ihrem offenen Haar verfangen. Außerdem streift sie sich einen Rock mit goldenen Borten über. Anmol assistiert ihr beim Schließen der Kleidungsstücke. Zum Schluss noch eine Tülljacke in Magenta, opulent geschmückt mit Glitzersteinen. Ein langer gelber Schal mit Goldsaum rundet ihr Outfit ab. Prüfend blickt Ragni in den Spiegel, dreht sich um. „Sehr schön“, pflichtet Anmol anerkennend bei. Und plötzlich schreitet sie durch den Raum. Dabei stützt Ragni einen Arm in die Seite, der andere folgt den weiblich schwingenden Hüftbewegung. Über das sonst ernste Gesicht zieht jetzt Entspannung: Endlich ist sie in ihrem Element.

Anmol muss sich jetzt etwas beeilen. In ihrem geglätteten, schwarzen Haar steckt eine Spange, deren kleine Perlen spielerisch die Stirn hinunterbaumeln. Für ihre Augen hat sich Anmol heute die Smokey Eyes Palette rausgelegt, diesen Stil kann sie besonders gut. Zügig und gekonnt, umrandet sie ihre Augen mit schwarzem Puder. Am liebsten hätte sie graue Kontaktlinsen, aber die kann sie sich nicht leisten. Das meiste ihrer monatlichen Finanzhilfe muss sie in die Miete und die Hormonbehandlung investieren. Nachdem sie 2015 gemeinsam mit Ragni und Faisal Griechenland verlassen hatte, war es erstmal eine ganze Weile chaotisch. Über drei Monate lang waren sie unterwegs mit dem Zug, Bus oder zu Fuß. In Bayern angekommen, ging es für die Drei in Flüchtlingslager am Kieferngarten und in Fürstenfeldbruck. Ein Jahr später konnte Anmol dann fest nach München, um die Schule zu besuchen. Ragni und Faisal mussten nach Traunreut umsiedeln. Ragni leidet sehr unter der Abgeschiedenheit und der Situation. Zwar besucht auch sie einen täglichen Deutschkurs und bald will sie sich auf Jobsuche begeben, aber die Unwissenheit, wie es mit der wiederholten Ablehnung von Faisals Asylantrag weitergeht, seine zunehmende Verzweiflung und die langwierigen Prozesse, belasten sie immens. „Ich bin sehr traurig, wie es gerade ist. Mein Körper geht kaputt.“, Ragni greift sich auf ihren Bauch, streicht über die glitzernden Ornamente. Im elf-Quadratmeter-Zimmer in Traunreut vermissen sie Ruhe und Raum für Intimität. „Ich will einfach nur ein normales Leben mit Faisal haben. Eine kleine Wohnung in München finden. Vielleicht irgendwann mal in den Urlaub fahren.“ Seit sieben Jahren sind die beiden nun zusammen, sie wollen heiraten, aber ohne Geburtsurkunde ist das nicht möglich.

Als sie den großen Saal betreten wird es fast ein bisschen still. Anmols Glöckchen am Fußgelenk klingeln bei jedem Schritt, den sie mit Ragni an ihrer Seite entschieden durch den Raum macht. Die Gäste drehen sich nach den beiden um, als sie ihre Jacken ausziehen und ihre farbenfrohen Gewänder hervorstechen. Sie kommen gerade pünktlich zu ihrer Performance, Anmol beginnt.

In einer leidenschaftlichen Endpose empfängt sie ihren Applaus. Schnell atmend und überglücklich geht sie in den Hintergrund und übergibt die Bühne Ragni. Fast explosiv richtet sie ihre Hüften zu den schnellen Trommelschlägen von „Bole Chudiyan“ aus, ein Duett aus einem populären Bollywood Film. Ihre Bewegungen sind sicher, schnell, kräftig. Die Tänzerin wirft den Kopf schwungvoll zurück, die offenen Haare untermalen ihre Ausgelassenheit. Ihre Arme schießen in die Luft, weit von sich gestreckt und sie dreht sich frei zur Musik. Längst filmen die Zuschauer mit ihren Handys. Der Gesang bäumt sich zum Finale auf, so auch Ragni. Der lange Schal zeichnet ihre kreisenden Figuren nach, die Drehungen schneller, ohne, dass sie auch nur einmal taumelt. Der orangefarbene Rock nimmt den gesamten Raum ein, die Farben leuchten. Wenn man einen kurzen Blick auf Ragnis Gesicht erwischt, sieht man es strahlen.

Text: Lilian Faye Landesvatter
Fotos: Gina Bolle